„Es ist soweit, mein König. Die ersten Monarchen sind eingetroffen.“ König Vyncent drehte sich vom gläsern-gefassten Rundbogen, welcher ihm einen atemberaubenden Blick über den herrlich-bunten Schlossgarten ermöglichte, zu Raphael, seinem engsten Vertrauten und ersten Offizier der Engelsgarde.

„Danke, Raphael. Zeig unseren Gästen ihre Gemächer, kümmere Dich um ihr Wohlergehen und versorge bitte die Pferde.“ Dabei lächelte er erhaben, so wie er es seit Anbeginn seiner Dienstzeit als König von Angelwood stets getan hatte. „Du weißt ja, es könnten Deine nächsten Dienstherren sein. Nicht, dass sie sich nachher da oben beschweren.“ Er zeigte mit dem rechten Daumen geradewegs in den Himmel.

Da stand er: Raphael. Stolz, mit gehobener Brust, seit eh und jäh einer seiner engsten Freunde. Ein Mann, so undurchschaubar wie sein blutroter Umhang, den alle Engelskrieger als typisches Symbol ihrer Überlegenheit und königlichen Zugehörigkeit trugen.

Die Engelskrieger bestanden aus ehemaligen Götterkriegern, deren blutiges Werk weit in den Krieg gegen die “Allianz des Bösen” zurückführte. Der König von Angelwood verlieh seinen Männern Würde und erntete dafür Treue bis in den Tod und darüber hinaus. Es waren ehrbare Krieger, die ihre grenzenlose Loyalität ausschließlich dem König von Angelwood und dessen Familie widmeten.

Zwei besondere Merkmale hoben die Engelskrieger von allen anderen Soldaten der Königreiche ab. Zum einen das Brandmal des Wappens von Angelwood, welches jedem Krieger nach langer Prüfung und einem lebenslangen Schwur in einer ehrenhaften Zeremonie über dem Herzen zuteil kam. Der Schwur wurde niemals gebrochen und die ehemaligen Engel, die weder Tod noch Finsternis fürchteten, wurden somit bereits zu Lebzeiten zu gefürchteten Legenden. Ehemals ruchlose Soldaten, die vom Himmel herab direkt auf das Schlachtfeld einer gottverlassenen Welt entstiegen und somit dem Guten so nahe waren. Das zweite Merkmal waren die von göttlicher Schmiedekunst gefertigten, gigantischen Schwerter, und die damit einhergehende krude Gewalt, die über jeden Feind des Königs darnieder brach.

Wäre da nicht die kaum übersehbare Narbe, die im selben tiefen Rot über dem Auge bis hinab zur Wange prangte, würde man glauben, die Männer der göttlichen Garde von Angelwood wären unbesiegbar. Er hatte ihn nie nach der Narbe gefragt.

Selbst später nicht, nach seiner Wahl zum König von Angelwood oder als sie in die Gefangenschaft der Bergoger gerieten und sie sich in einem blutigen Scharmützel den Weg in die Freiheit zurück erkämpften. Die beiden verband von Anfang an eine tiefe Freundschaft, ein unsichtbarer, starker Draht, auf dem nur eine beständige Männerfreundschaft balancieren konnte. Bis heute hatte er ihn diese eine Frage nach der Herkunft der Narbe nie gestellt. Als König hätte er das Recht gehabt, er hätte einfach alles und jeden fragen können.

Vyncent war jedoch der Meinung, dass jeder Mensch seine Geheimnisse erst dann kund zu tun hatte, wenn demjenigen danach war. Derjenige, der nicht alles herumerzählte, demjenigen konnte man sein Leben und sein größtes Geheimnis anvertrauen. Jeder sollte das eine oder andere Geheimnis bewahren, denn das formte den Charakter eines jeden Lebewesens, eines jeden Menschen und machte diese zu Vertrauten.

Er hielt nicht viel von Plappermäulern, die sofort jedem alles auf die Nase banden, ob es einen nun interessierte oder nicht. Dumme Tratscherei war es, die oftmals zu bösen Verleumdungen führte. Hohle Gerüchte, die einen tugendhaften Charakter zu etwas Schlechtem machten. Das Wort selbst war eine mächtige Waffe und sollte wie eine Klinge wohlbedacht geführt werden.

Der König legte beide Hände auf die Schultern des muskulösen Kriegers und zwinkerte dabei spitzbübisch. „Warum so grimmig, mein treuer Freund? Wir alle wissen, dass der Tag der Zusammenkunft stattfindet. Wer weiß, vielleicht bleibt Dir meine Familie ja auch erhalten und Du musst Serenity und mich erneut die nächsten Jahre ertragen.“

Vyncent erkannte ein verstohlenes Glitzern in den Augen Raphaels, als dieser den Namen der Prinzessin vernahm. Er wusste, dass Raphael eine gewisse Zuneigung zur Tochter des Königs empfand. „Wir werden sehen, mein König. Die kommenden Tage werden zeigen, wer dazu auserwählt wird, die nächste Dekade zu regieren und weise Entscheidungen wie Ihr zu treffen. Es wird sicherlich nicht einfach in Eure einzigartigen Fußstapfen zu treten.“

„Genug geschmeichelt, mein Freund. Morgen ist ein spannender Tag, an dem wir alle sehr viel Kraft benötigen, um ihn zu bewältigen.“ Vyncent lächelte. „Ich hoffe, Du hast die nötigen Vorkehrungen getroffen. Wir wollen ja keine Verletzten bei der Wahl des Königs oder der Königin.“

„Keine Sorge, mein König. Die Garde steht bereit und wird für einen ruhigen Ablauf sorgen.“ Raphael verbeugte sich und entschwand genauso lautlos, wie er gekommen war.

Nachdenklich zupfte Vyncent an seinem grauen Bart, während er sich der Balkontür zum Schlossgarten zuwandte. Er öffnete die Türen und beobachtete seine Tochter beim Pflücken von Blumen.

„Lass noch ein paar Pflanzen für die Gäste stehen!“, rief der König. Serenity lachte fröhlich und hüpfte mit wild wedelnden Armen über mehrere Hecken in Richtung ihres Vaters, der bereits Platz auf der Gartenterrasse vor den Königsgemächern genommen hatte. Dabei stolperte sie das eine oder andere Mal, um dann laut kichernd erneut Anlauf zum waghalsigen Sprung über das nächste grüne Ziergewächs zu nehmen.

„Nun mach Dir mal keine Sorgen, es sind wahrlich genug Blumen für alle da!“, rief sie, während sie zum krönenden Abschluss ihres Hürdenlaufs einen kleinen Teich überqueren wollte. Dabei übersah die junge Prinzessin in ihrem ungestümen Drang nach sportlicher Etikette das leicht morastige Ufer, welches sie zwar elegant erreichte, dass jedoch nicht für Volllast ausgelegt war. Langsam, unaufhaltsam und mit rudernden Armen plumpste sie rückwärts in den nicht allzu tiefen Teich, um prustend aus dem Wasser aufzutauchen. „Hoppla!“, kicherte Serenity. „Das sollten wir wohl noch mal üben!“ Ein Frosch hüpfte quakend von ihrem Kopf und suchte unter einem Seerosenblatt Schutz.

Ihr Vater lachte aus voller Kehle. Er musste so laut lachen und schüttelte sich so sehr, dass er rückwärts mit seinem Stuhl auf dem Boden landete. Serenity kletterte leicht unbeholfen aus dem Teich und half ihrem Vater hoch. „Vater, alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt. Vyncent verstummte und blickte ihr in die Augen. Es dauerte keine Sekunde und die beiden lachten aus vollem Hals.

„Da dürfen wir aber gespannt sein, ob Du es irgendwann zur Königin schaffst. Das mit dem königlichen Sprung beherrscht Du ja schon aus dem Effeff.“

„Ach Vater … ich wünschte mir, Du würdest weiterhin König bleiben. Denk nur daran, es wird eine düstere Zauberin oder ein eitler Pfau.“ Serenity wrang mit sanftem Druck das Wasser aus dem Unterrock ihres Kleides und pustete sich gleichzeitig die nassen Haare aus der Stirn. „Dann können wir ja gleich über die Baatorianische See davon paddeln. Obwohl … so abwegig wäre der Gedanke gar nicht; dann sehen wir endlich mal etwas Anderes!“

„Wir haben diese Spielregeln der Macht nicht erfunden, mein Kind.“ entgegnete Vyncent, immer noch kichernd beim Gedanken des missglückten Teichhopsers seiner Tochter. „Die Götter haben uns den Kompass geschenkt, um die Waagschale zwischen Gut und Böse in Balance zu halten. Du weißt selbst, dass ein Königstitel allein noch keinen guten König oder eine kluge Königin hervor zu bringen vermag.“

Er tippte sich zunächst an die Stirn und danach auf die Brust, dort wo das Herz schlug. „Bedachtsamer Verstand gepaart mit einem großen Herzen, das ehrt den König, das schmeichelt der Königin. All das wird von einem Monarchen verlangt und verhilft dem Volk zu Frieden und Freiheit.“

„Grandios, Paps. Du solltest nach Deiner Königslaufbahn Berater werden. Vielleicht hat der neue König ja eine Stelle frei.“

„Pah! Erst nachdem Du geheiratet hast, zauberhaftes Töchterlein. Da Du bis heute so wählerisch warst und noch nicht den Richtigen gefunden hast, kaufen wir uns tatsächlich ein Boot und schippern über die Weltmeere; vorausgesetzt Du wirst nicht zufällig später einmal die neue Herrscherin.“

„Abgemacht! Ich kann übrigens nichts dafür, dass da draußen nur unfähige Männer herumlaufen, die mehr an ökologischem Wachstum oder der Ledergarnitur ihres Rosses interessiert sind, als an einer süßen Prinzessin wie mir.“ Serenity blinkerte dabei lieblich mit ihren Augenlidern und zog einen Schmollmund.

„Du kannst, wenn Du willst, das weißt Du auch! Aber … ich gebe Dir Recht, da draußen gibt es nicht mehr allzu viele Prinzen, die es sich zu küssen lohnt.“ Vyncent kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Apropos Kuss … vielleicht war das im Teich ja ein verwunschener Frosch!“

„Untersteh Dich!“

Der König lief mit flottem Schritt zum Teich, um das verdutzt dreinblickende Tier unter der Seerose hervor zu angeln. „Ach komm schon … ein kleiner Kuss für eine Prinzessin … ein großer Kuss für einen verwunschenen Prinzen!“

„Vater! Schmeiß sofort dieses glibbrig-grüne Teil zurück ins Wasser!!!“ Serenity kreischte, während ihr Vater versuchte den Frosch als Verlobungspartner an die Prinzessin zu bringen.

„Nur ein kleines Küsschen … mehr erwartet der feuchte Prinz nicht von Dir!“, schallte es lachend hinter Serenity, die inzwischen in das Innere des Königshauses verschwunden war.

„Geh weg! Sonst erzähle ich allen, dass Du einen Bauchweggürtel trägst!“

„Der ohnehin überhaupt nichts bringt, außer dass ich bei mehrstündigen Audienzen keine Luft mehr bekomme.“ Vyncent stoppte die wilde Verfolgungsjagd. Serenity war einfach zu schnell und bereits hinter den Palasttüren verschwunden. Er trug den Frosch zum Teich, wo er ihn behutsam zurück auf ein Blatt setzte. „Hhmmm … vielleicht sollte ich es mal mit einem Kuss probieren?“ murmelte er in Richtung Frosch, der daraufhin flugs im Wasser verschwand. Vyncent lachte leise, baute seinen umgeworfenen Stuhl auf, machte es sich darin bequem und sah gedankenverloren einer Wolke nach.

Die Tage seiner Regentschaft waren vermutlich in den kommenden Tagen gezählt. Er überlegte, wer wohl sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin werden könnte? Oder würde er am Ende selbst weitere lange Jahre herrschen? „Ein adretter König mit Sohn wäre gar nicht so schlecht, dann hätte man gleich die Hochzeit planen können.“ scherzte Vyncent in sich hinein.

Viele Jahre hatte Vyncent mit großer Liebe und all seiner Weisheit sein Bestes gegeben, sei es im Frieden oder auch manchmal im Krieg gegen Aggressoren, die das Land überfielen. Nicht immer hatte er mit seinen Entscheidungen recht behalten und musste diese das eine oder andere Mal korrigieren. Im Großen und Ganzen war er aber ein guter König und wurde von seinem Volke aufgrund jener Sorgfalt, wenn es um Gerechtigkeit ging und seiner maßvollen Art von Geben und Nehmen in höchstem Maße respektiert. Er setzte sich für jeden ein, egal, welchen Stand oder wie viel Geld derjenige zur Verfügung hatte. Für Vyncent waren alle Lebewesen gleich, egal ob dick oder dünn, jung oder alt, groß oder klein, grün oder weiß, reich oder arm, jeder sollte so behandelt werden, wie man es selbst schätzte. Er war überdies der Meinung, Respekt musste man sich verdienen und konnte nicht durch eine Goldmünze oder einen Titel erkauft werden. Der König liebte die Menschen, denn er war ein Teil von ihnen und wusste, dass er seinen königlichen Status nicht allein dem Kompass, sondern auch seinem Volk zu verdanken hatte.

Genau jene tief verwurzelte Liebe schenkte ihm zunächst eine Gemahlin und später seine wundervolle Tochter Serenity. Aber auch Leid prägten seine Amtszeit, als seine Frau vor einigen Jahren von einem Besuch seines Bruders in Conwl nicht mehr zurückkehrte und seitdem verschwunden war. Keiner seiner Gardisten konnte sie finden. Sie durchsuchten das gesamte Land, drehten jeden noch so kleinen Stein, tauchten in den tiefsten Gewässern, kletterten auf die höchsten Berge, jedoch blieb die Suche nach der Königin erfolglos. Seitdem hatte sich der König nicht mehr vermählt und schwor bis zu seinem Tode nach ihr zu suchen oder für immer allein zu bleiben.

Eine Träne verlor sich im dicken Bart des ansonsten immer gut gelaunten Königs. Er wischte sich über das traurige Antlitz, um die Sorgen über den Verlust seiner Frau schnell wieder zu vergessen. Als ob das so einfach wäre. „Wo bist Du, meine Liebe? Wo Du auch sein magst, ich werde Dich finden, egal, was es mich kostet, selbst wenn es mein Leben ist.“ Die wärmende Sonne war inzwischen fast verschwunden und verwandelte das tiefe Grün des Gartens in ein sanftes Rot, welches allmählich dunkler wurde.

Vyncent erhob sich mit einem dicken Seufzer, um sich in seine Gemächer zurück zu ziehen.