Es war einmal ein junger Fischer, der lebte mit seiner Familie in einem malerischen Dörfchen gelegen am azurblauen See Dereorchy nahe der lebhaften Stadt Lanwy. Da die Fischerei nicht genug zum Leben bot, um seine Familie vernünftig ernähren zu können, verkaufte der Mann Hundewelpen, die ihm seine treue Hundedame Molly nach einem kleinen, vergnüglichen Techtelmechtel mit dem Nachbarshund schenkte.

Die Hundebabys verkaufte er an Reisende, Kaufleute oder Vagabunden, die an seinem Haus vorbeizogen. Zunächst begnügte er sich mit dem Verdienst der Welpen, bemerkte jedoch schnell, dass mit der Zucht und dem Verkauf von Hundewelpen wohl sehr viel mehr an Geld zu verdienen war, als mit der schweißtreibenden Arbeit und dem mühseligen Fischfang auf hoher See. So hängte er sein Fanggerät an den Haken und kaufte sich von dem Gewinn der verkauften Welpen ein angrenzendes Grundstück, wo er schon bald in mehreren kleinen Hütten viele verschiedene Hunderassen aufzog.

Er kreuzte unterschiedliche Hunde, um völlig neue, und in seinen Augen schönere Tiere, zum Verkauf anbieten zu können. Sein Hauptaugenmerk lag dabei auf Kraft, Schönheit und Eleganz jedes einzelnen Hundes. Er mischte zunächst mit Wohlbedacht große, kräftige Hunde mit ebenso starken, aber eleganten Tieren. Es entstanden atemberaubende Züchtungen die ihresgleichen suchten.

Schon bald eilte ihm sein Ruf voraus und man kannte den ehemaligen Fischer als besten Hundezüchter mit den schönsten Tieren im Süden des Landes. Reiche Adelsfamilien, hochgestellte Persönlichkeiten sowie Könige aus fernen Ländern kehrten bei ihm ein und aus, um die schönsten und seltensten Exemplare zu horrenden Preisen zu ergattern.

Tagaus, tagein tüftelte der junge Mann an verschiedenen Rassen, um zu noch größerem Reichtum zu gelangen. Sein Grundstück und seine Hundefamilien wurden immer gewaltiger, die persönliche Last extremer Kundenwünsche nach noch schöneren und exklusiveren Hunden jedoch immer größer.

Eines Tages besuchte ihn ein König. Er streifte durch die Hütten des Züchters, fand aber nicht, wonach er suchte. Egal, was der junge Mann dem König zeigte, er winkte mürrisch ab und lachte ihn aus. „Das also nennst Du eine außergewöhnliche Zucht? Diese Hunde habe ich schon alle irgendwo gesehen, hier finde ich nichts Schönes für meine Frau. Du bist wohl doch nicht der hochgepriesene Züchter, von denen alle erzählen.“

Der Züchter, der sich inzwischen an den landesweiten Ruhm seiner stolzen Tiere gewöhnt hatte, wirkte leicht gereizt über die arrogante Wortwahl des Königs. „Werte Majestät. Hier findet Ihr die besten Tiere, kein Züchter weit und breit verkauft schönere Hunde. Was sucht Ihr denn, womit kann ich die Dame Eures Herzens und Eure geschätzte Person milde und frohgemut stimmen?“

„Ich bin einer der mächtigsten Könige, jenseits der Landesgrenzen von Angelwood. Natürlich gilt für mich nur das Beste. Ich fordere eine Rasse, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, deren Existenz bis heute ein Wunschgedanke war! Meine Feinde sollen erschauern vor meiner weisen Weitsicht in Sachen Zucht.“ Der König trat ganz nah an den Züchter heran und raunte ihm leise ins Ohr. „Ich gebe Dir ein Jahr Zeit, wenn Du mir dann bei meinem nächsten Besuch vier prächtige Tiere, zwei Weibchen und zwei Männchen, offenbarst, überschütte ich Dich mit so viel Gold, dass Du nie mehr Arbeit verrichten musst.“ Er lächelte und seine Augen blitzten. „Außerdem vermache ich Dir ein imposantes Schloss und übertrage Dir das alleinige Recht den Titel „Königlicher Hof- und Hundezüchter“ tragen zu dürfen. Mit diesem Anspruch wirst Du schon bald ruhmreich in die Geschichtsbücher meines Landes eingehen.“ Der König lachte lauthals. „Was sage ich da, Du wirst wahrscheinlich der König aller Züchter sein, mit Deinem eigenen, kleinen Reich.“

Der Hundezüchter wirkte von so viel schmeichlerischem Wohlwollen und überheblicher Prahlerei des Königs beeindruckt. „Kehrt in zwölf Monaten zurück und ich schenke Euch jene Tiere, welche in Jahrhunderten noch zu den schönsten ihrer Art zählen werden. Diese Rasse wird alle anderen Hunde mit ihrer Anmut und ihrer Ausdruckskraft übertreffen. Ich erschaffe den Kaiser aller Hunde!“

Gesagt, getan. Der Züchter zog sich zum Nachdenken zurück. Welche neue Rasse sollte er nur kreieren, wo er doch schon alle bekannten Rassen gekreuzt hatte. Welche Gattung konnte zum Herrscher aller Hunde erkoren werden?

Nach einigen Monaten war dem Züchter immer noch nichts eingefallen, er hatte keine Ideen und begann zu verzweifeln. Eines nachts, der ehemalige Fischer saß Trübsal blasend am Ufer des Sees, der ihn einstmals vom Fischfang ernährt hatte, entdeckte er ihm fahlen Schein des Mondlichts eine filigrane Raubkatze, die zaghaft zappelnde Fische aus dem kühlen Nass herausfischte. Beim genaueren Hinsehen erkannte der Mann einen Mondluchs, ein friedfertiges Raubtier, welches man nur noch selten erspähte, da diese Tiere fast ausgestorben und scheu im Umgang mit Menschen waren. Zwei besondere Merkmale zeichneten einen Mondluchs aus: sehr ausladende, spitz zulaufende Ohren und stechend leuchtende Augen, die im Dunkeln in kräftigem Saphirblau sanft schimmerten. Je nach Stärke des Mondlichts oder einer nahenden Bedrohung strahlten die Augen besonders intensiv.

Plötzlich sprang der Mann wie vom giftgrünen Furchenkriecher gebissen auf die Beine. Genau das war jene Lösung, nach der er die letzten Monate vergebens gesucht hatte. Eine Kreuzung aus Mondluchs und einer seiner schönsten Hündinnen. Daraus konnte nur etwas Erhabenes entspringen, der König würde ihm aus Dankbarkeit wahrscheinlich gleich zwei Schlösser zum Geschenk bereiten.

In Windeseile entwarf er eine raffinierte Falle, um das seltene Tier ein paar Tage später erfolgreich zu fangen. Natürlich konnte er das wilde Wesen nicht ohne Weiteres mit einer seiner Hündinnen kreuzen, dies war für Mensch und Hund viel zu gefährlich. Jedoch verfügte der Züchter über jahrelange Erfahrung mit Vierbeinern und gewöhnte mit bedächtiger Hand den ruhigen Mondluchs an seine treueste und loyalste Gefährtin, die Hündin Molly. Die betagte Hündin webte ein unsichtbares, mentales Band und es dauerte nicht lange bis Molly Nachwuchs vom Mondluchs erwartete.

Eine unheilvolle Sache war dem Züchter jedoch bislang verborgen geblieben: kein Mondluchs überlebte eine Gefangenschaft auf Dauer, da diese Tiere zu sehr mit der Natur verbunden waren. Freiheit war das Lebenselixier aller Lebewesen, die jenseits der Hütten des Züchters lebten. Ohne Freiheit war der Mondluchs dem Untergang verdammt. Gefangen in einer kleinen Hütte folgte das unausweichliche Ende des Mondluchses: er verstarb wenige Wochen nach seiner Gefangennahme. Aus Sorge vor Bestrafung, da er ein seltenes Tier auf dem Gewissen hatte, verbrannte der Züchter den leblosen Körper des Mondluchses und verstreute die Asche über den Gewächsen seines Hofgartens. Zugleich vergaß er den Mondluchs und widmete sich der weiteren Pflege seiner trächtigen Hündin, immer in Gedanken an jene prächtigen Welpen, die schon bald das Licht der Welt erblicken und ihn zu einem vermögenden Mann machen sollten.

Exakt auf den Tag genau erschien ein Jahr nach dem Versprechen des Züchters der König auf dem Hof des jungen Mannes, um die zugesicherten Jungtiere abzuholen und ihn für seine Mühen auszuzahlen. Gespannt blickte der ungeduldige König auf die Hütte, in der Molly aufgrund ihres hohen Alters mit der Geburt zu kämpfen hatte. Der Züchter beschwichtigte den zornigen König, der es nicht gewohnt war, dass man ihn warten ließ.

„Entweder Du bringst mir nun die Welpen oder ich nehme mein Gold und suche mir einen anderen, besseren Züchter, der seine Versprechen hält!“ Er herrschte den jungen Mann an, mit ihm nach Molly zu sehen, der es in den letzten Tagen von Stunde zu Stunde merklich schlechter erging. Dies alles war dem Züchter inzwischen egal, denn er hatte sein Gewissen vor langer Zeit verkauft. Er stand nur noch eine Münzbreite von unsagbarem Reichtum entfernt und dies durfte eine gebrechliche Hundedame nicht verhindern. Molly hatte ihm lange gedient, nun war es an der Zeit, eigenhändig Leben in die Welt zu holen, egal, was es kostete, um jeden noch so skrupellosen Preis.

Der junge Mann bereitete im Beisein des grinsenden Königs einen Trank, den er hektisch Molly verabreichte. Ein blubberndes, böses Gebräu, welches sie in tiefen, ewigen Schlaf versetzte und ihm die Möglichkeit gab, ihr gewaltsam die Welpen aus dem Leib zu reißen. Der Züchter zuckte zusammen. Er schauderte, denn er fand keine Welpen, nur ein kleines, handballengroßes Fellknäuel, welches nun zitternd im Stroh vor ihm kauerte. Da war nicht mehr zu finden, kein anmutig-ästhetischer Nachwuchs, wie er es sonst gewohnt war, nur dieses hässliche kleine Ding mit riesigen Ohren, wobei ein stiller Betrachter eher an die Kreuzung mit einer Fledermaus denken musste. Der König verzog sein Gesicht zu einer fiesen Grimasse. Er hob den leblosen Körper der Mutter empor, schleuderte ihn zur Seite und wühlte im Stroh. „Was soll das bedeuten?! Wo sind meine Welpen?! Sind das Deine viel beschworenen Künste? Hierauf habe ich ein Jahr hoffnungsvoll gewartet?! Auf dieses seltsame dürre Ding, dass Du als ‘Kaiser der Hunde’ beschworen hast?!?“ Rasend vor Wut machte der König auf dem Absatz kehrt und verließ die Geburtsstätte. Kurz bevor er mit seiner Leibgarde den Hof verließ, rief er dem Züchter noch lautstark letzte Worte zu. „Du bist am Ende, ich werde dafür sorgen, dass niemand mehr auch nur einen einzigen Hund bei Dir erwirbt. Du hast gerade Dein Todesurteil unterzeichnet! Ich werde Dich vernichten!“

Ungewöhnlich still war es auf dem Hof geworden, selbst die ansonsten lautstark bellenden Hunde, die in den umliegenden Hütten lebten, waren verstummt. Der Züchter sank auf die Knie und vergrub sein Gesicht in den schmutzigen, blutverschmierten Händen, ohne auch nur einen Blick auf seine einstmals geliebte Molly oder ihr Junges zu werfen. Er weinte bitterlich, in einer Mischung aus Wut und Selbstmitleid. „Verdammt! Verdammt! Verdammt …“

So kauerte er viele Stunden, bis langsam die Abenddämmerung einsetzte. Das sanfte Wimmern des zierlichen Tierbabys riss ihn aus seiner verzweifelten Lethargie, die ihn übermannt hatte. Voller Zorn hob er seinen Kopf. „Du dummes, kleines Monster. Du bist daran schuld, dass ich nun alles verliere!!“ Entschlossen erhob sich der Züchter, verließ stampfend die Hütte, um wenig später mit einem kleinen Jutesack zurück zu kehren. „Dir zeige ich, was ich mit Missgestalten anstelle, die mir meinen Tag ruinieren!“ Er packte das bibbernde Kuddelmuddel aus Fell und Ohren, steckte es in den Sack und lief mit großen Schritten Richtung See. Dort warf er den Beutel weit auf das Wasser hinaus, wo die Jutetasche platschend aufkam und langsam davon schwamm, um wenig später in der Dunkelheit zu verschwinden. Nichts war zu hören, kein Wimmern, kein Fiepen, kein einziger verzweifelter Laut. Gerade so, als ob sich das Tierkind seinem furchtbaren Schicksal ergeben hatte.

„Das hast Du nun davon, Du nichtsnutziger, stinkender Haufen Fell!“ Er schrie und spuckte dem unschuldigen Mündel wutentbrannt hinterher, obwohl es bereits lange aus seinem Blickfeld entschwunden war. Kurze Zeit später lächelte er diabolisch und fasste leise murmelnd einen Plan. „Was soll’s? Wenn ich einmal einen Mondluchs gefangen habe, warum sollte es mir kein zweites Mal gelingen? Wahrscheinlich war die alte Molly einfach nicht mehr in der Lage einen vernünftigen Wurf auf die Welt zu bringen. Alt und zu nichts zu gebrauchen, das hätte ich auch vorherahnen können. Dieser alte Köter hat mich ohnehin nur noch Futter gekostet, aber daraus lerne ich und nehme eine junge Hündin. Und der König? Ich kenne genug Leute, die mir dabei helfen werden, diesem Mann Paroli zu bieten. Ich bin ja schließlich ein bekannter, reicher Züchter. Ich bin ja kein Niemand, ich bin eine Persönlichkeit!“

Entschlossen kehrte auf seinen Hof zurück, wo ihn jene unheimliche Stille erwartete, die ihn seit dem Verlassen des Hofes begleitete. Kein einziger Hund war zu vernehmen, kein Bellen oder fröhliches Begrüßen, wie er es sonst gewohnt war – nur frostige Totenstille. Er blickte zu der Stelle, wo Molly zuletzt gelegen hatte. Der Körper war verschwunden. Der Züchter rief nach seiner Frau und seinen Kindern, erhielt jedoch keine Antwort. Im Haus war es dunkel, nur der Mond tauchte die Umgebung in gespenstisches Licht. Nach und nach begab sich der junge Mann in die einzelnen Hütten, um nach seinen Hunden zu sehen. Er erschauderte, sie waren verschwunden, genau wie seine Familie, die er selbst mit lautem Rufen zu keinem Laut bewegen konnte. Niemand außer ihm war mehr auf dem Hof zu finden. Diese Art von Stille war beängstigend, denn sie war nicht normal. „Was soll das, wer treibt hier seine Späßchen mit mir?! Wo sind meine Hunde?!“ Die Frage nach seiner Familie war in den Hintergrund gerückt, getrieben vom Gedanken an verlorenes Geld. „Falls Ihr das seid, werter König, lasst Euch gesagt sein, dass ich einflussreiche Freunde mein Eigen nenne. Ihr könnt hier nicht walten, wie es Euch gefällt. Also rückt meine Tiere heraus, sie sind und bleiben mein Eigentum!“

Da war etwas. Ein Geräusch. Plötzlich ganz leise aus einer Ecke des Hofes. Es klang fast wie ein flüsterndes Knurren. Hatte er sich getäuscht? Da wieder, nur diesmal aus einer anderen Richtung. Zusätzlich erkannte der Züchter ein leichtes, bläuliches Leuchten, welches aus verschiedenen Richtungen immer heller zu strahlen schien. Die Lichter bewegten sich langsam auf ihn zu, das Knurren wurde dabei immer lauter. Tatsächlich vernahm er ein Knurren, wie man es von Hunden kannte … oder von Mondluchsen. Für eine Flucht war es zu spät. Zahllose Mondluchse hatten einen engen Kreis um ihn gebildet, ohne jegliche Chance für den Eingeschlossenen dem gerechten Urteil der Natur zu entkommen.

Ein letztes Aufbäumen, ein letzter verzweifelter Schrei, gefolgt von endgültiger Stille…

Kleine Katze, tapferes Herz

Nun könnte man denken, unsere Geschichte endet hier. Sie endet mit der Gier eines Mannes, der irgendwann vergaß, was es bedeutet, dankbar für das zu sein, was ihm seine Familie, die Natur und die Freundschaft zu Tieren schenkte. Jede Geschichte voller Leid enthält jedoch ein kleines Fünkchen Hoffnung auf eine bessere, schönere Zukunft, die jedes Wesen, egal, ob Mensch oder Tier verdient hat.

Unsere Geschichte handelt von Freundschaft, echter, tief empfundener Freundschaft. So lasst mich Euch weitererzählen, denn unsere Reise ist noch lange nicht zu Ende.   

In derselben, unglückseligen Nacht trieb ein kleines Segelboot in der Nähe des Ufers entlang. Zwei vermeintlich finstere Gesellen versuchten im diffusen Licht zweier Öllaternen, die sanft quietschend dem Wellengang und damit den Bewegungen des Bootes folgten, mit langen Seilen, an deren Ende dreigliedrige, gebogene Metallspitzen befestigt waren, einen Gegenstand aus dem See zu fischen. Immer wieder warfen die beiden Männer die dick geflochtenen Schnüre aus und zogen diese ohne sichtbaren Erfolg keuchend zurück. „Denkst Du wirklich, dass wir an der richtigen Stelle sind? Mir fallen gleich meine Arme ab!“ Der dickere und gleichzeitig kleinere von beiden wischte sich japsend den Schweiß von der Stirn. „Hier ist doch nicht einmal eine winzige Boje, um zu sehen, ob sich das Gezerre lohnt! Hast Du die Stelle überhaupt markiert!?“ Er setzte sich schnaufend auf eine Holzkiste am hinteren Ende des Bootes, die knarrend unter seinem Gewicht nachgab.

„Geh mir nicht ständig auf die Nerven mit Deinem Gemurre! Wie wäre es, wenn Du einfach mal weniger Rinderkeulen und ähnliches fettiges Zeugs in Dich hineinstopfen würdest? Oder noch besser: verzichte auf diesen billigen Rum, denn Du Dir dauernd hinter die Kehle kippst! Dann klappt das auch mit dem Luftholen.“ Der groß gewachsene Mann mit dem dunklen Schnauzer deutete in den sternenklaren Himmel. Hier und da konnte man eine Sternschnuppe erkennen, die sich gleißend ihren Weg Richtung Erde suchte. „Ich weiß, dass der Kapitän exakt hier den Sack mit dem Silber versenkt hat. Dort ist der „Große Ochse“, dort drüben die „Wilde Hilde“ und da hinten der „Wahnsinnige Wotan“. Über uns die „Schöne Julia“ und wir liegen direkt dazwischen, ergo muss es hier irgendwo sein. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dann finden wir den Schatz.“

„Du weißt doch selbst, dass das Essen bei Jolanda einfach nur lecker schmeckt. Da kann es schon mal sein, dass die eine oder andere Keule mehr in meinem Bäuchlein verschwindet.“

„Bäuchlein? Das nennst Du Bäuchlein?!“ Erneut flog ein Seil in hohem Bogen in die dunkle Flut, wo das Metall platschend versank. „Freddy! Sobald wir wieder in Paradise sind, werde ich Dich einer Schlankheitskur unterziehen, damit Du erkennst, was ein Bäuchlein von einem Fettwanst unterscheidet.“

Freddy schmollte. „Ach komm … hier zählen schließlich innere Werte. Das hat mir jedenfalls mein Vater beigebracht. Herz und Seele bestimmen das Herz eines guten Freibeuters.“ Er pochte dabei kräftig auf seine Brust. “Und das alles wird schließlich durch ausgewogene Ernährung zusammengehalten. Hier befindet sich außerdem noch mein Karma. Ohne kräftiges Essen verkümmert es und ich wandele nur noch seelenlos durch das tiefe Tal des Hungers. Wem nutzt schon ein dürrer Pirat, der bei der ersten Brise Wind von Deck geweht wird?“

„Was auch immer … hilf mir jetzt gefälligst weiter, denn es wird bald hell und ich möchte nicht den Fischern begegnen. Die mögen uns nicht, das weißt Du. Außerdem habe ich Durst und Du Trottel hast nur eine Kiste Rum mitgenommen.“

„Stimmt ja … jetzt wo Du es erwähnst.“ Freddy lachte kurz auf, erhob sich, drehte sich und hob den Deckel der Kiste, auf der er gerade noch eine kleine Ruhepause eingelegt hatte. Mit klirrendem Geräusch angelte er sich eine Flasche Rum aus dem Holzbehälter, entkorkte diese mit breitem Grinsen und nahm erst einmal einen kräftigen Schluck. „Hach wie lecker und belebend so ein Schlückchen Rum doch sein kann. Herrlich … möchtest Du auch?“

„Nein, möchte ich nicht!!“ Der grimmige Gesichtsausdruck, den Freddy im dämmerigen Licht der Öllaterne erkannte, versprach nichts Gutes. Er packte die Rumflasche in seine ausladende Hosentasche und begann erneut mit dem Schleudern seiner Fangleine.

Nach einiger Zeit erfolgloser Suche stupste Freddy seinen Kumpan in die Seite. „Wie lange wollen wir das jetzt noch machen, Dougan? Wir finden es nicht. Vielleicht sollten wir zurück rudern und morgen weitermachen.“

„Es gibt kein Morgen! Ich habe nur noch bis morgen Zeit das Geld für das Schiff aufzutreiben, damit ich endlich mein eigener Herr sein kann! Verstehst Du das nicht?“

Der dicke Seeräuber seufzte. „Ja, aber wir könnten doch ans Ufer rudern und dort einen Fischer überfallen. Die haben meistens ein wenig Geld. Dann nimmst Du das Geld, zahlst damit das Schiff an und so gehört es Dir doch wenigstens schon einmal teilweise.“ Freddys Augen leuchteten, denn dies schien eine äußerst gelungene Idee zu sein.

Dougan stoppte abrupt mit dem Einholen des Seiles und drehte sich mit weit aufgerissenen Augen seinem Begleiter zu. „Meine Güte, dass ich darauf nicht schon viel früher gekommen bin! Natürlich! Freddy … Du bist wie Schielauge, der Kanonier unseres Heimathafens! Wenn ich jedes Mal, wenn „Mr- ich-treff-sowieso-nichts“ danebenschießt, ein Glas Rum trinken würde, könnte man aus meinem Blut schon bald eine eigene Rum-Marke gewinnen. Du bist schon fast wie seine Kanone: laut im Knall, aber immer daneben.“ Er klopfte seinem Freund so fest auf die Schulter, dass dieser fast aus dem Boot kullerte. „Fischer überfallen … klar, wir paddeln jetzt als ehrenamtliche Fischräuber übers Wasser und stehlen den Menschen genau jenes Essen, welches uns die gleichen Leute im Hafen zum Leben verkaufen wollen. Wir sind Piraten, keine Diebe!“

Hier muss man kurz den Unterschied zwischen Piraten und Dieben erläutern. Diebe sind jene habgierigen Halunken, die ohne Gewissen und Anstand alles und jeden berauben, egal, ob dem Beraubten noch etwas zum Leben bleibt. Piraten hingegen sind voller Ehre und Respekt und überfallen nur diejenigen, die viel zu viel besitzen und das eine oder andere Goldstück sinnvoll entbehren können. Diese Sichtweise teilt das Gesetz natürlich nicht immer und es mag hier ein paar differenzierte Meinungen geben. Jedoch, wer achtet schon auf das läppische Kleingedruckte eines Gesetzbuches beim Entern eines üppig beladenen Kahns voller Schätze und Kostbarkeiten.

„Ich dachte ja nur … war doch nicht böse gemeint. Ich will Dir doch nur helfen …“ Freddy schluckte kurz und setzte sich abermals auf seine hölzerne Sitzgelegenheit, um den Rest seiner Flasche Rum mit einem Zug zu leeren.

„Fischer überfallen … meine Güte, Freddy … wir sind doch Ehrenmänner …“ murmelte Dougan kopfschüttelnd vor sich hin, während er sein Wurfseil erneut langsam einholte. Plötzlich zuckte er, stockte kurz und versteifte. Irgendetwas hatte sich verändert. Am Ende des Seils schien es diesmal ein Gegengewicht zu geben, denn die Leine wirkte beim Einholen schwerer als zuvor.

„Ich hab‘ da was an der Leine!“ rief Dougan voller Entzücken und bemühte sich, das nasse Tau nicht aus den Händen gleiten zu lassen. Es war nicht wirklich schwer, also nicht so, wie man es sich von einem Silberschatz vorstellte. Jedoch konnte es auch an der Strömung des Sees liegen, der vielleicht das Gewicht des Sackes anhob und somit leichter erscheinen ließ.

Freddy sprang auf und fasste entschlossen mit an. „Ganz schön leicht für Silberbesteck.“

„Es sind Silberbecher und außerdem kann es an der Strömung liegen. Hoffe ich jedenfalls …“ Dougan’s Blick wurde nun schärfer, er konnte bereits einen sackartigen Gegenstand erkennen.

„Hhmmm … sei mir bitte nicht böse, aber das sieht mir mehr nach einem kleinen Kartoffelsack aus. Wäre aber auch nicht schlecht, dann gibt es wenigstens etwas zu futtern.“

„Woran erkennst Du bitte, wo der Unterschied zwischen einem Kartoffelsack, einem Rübensack oder irgendeinem anderen Sack liegt?“ Dougan war verärgert, denn er wusste bereits, dass es sich nicht um das Silber handelte. Dieser Sack war viel zu klein, aber einen Blick hinein zu riskieren, konnte sicher nicht schaden. Vielleicht war etwas anderes Kostbares zu finden, welches man in klingende Münze verwandeln konnte.

„Nun, lieber Dougan, mein Urgroßvater mütterlicherseits war zufälligerweise ein erfahrener Müller. Die Art des Gewebes, der Knoten des Strickes der die Öffnung verschließt und die Farbe lassen mich die Schlussfolgerung ziehen, dass es sich um einen Kartoffelsack handelt, wie man ihn nur in der westlichen Hemisphäre unseres Breitengrades findet.“ Freddy hob stolz die Brust, während er seinem Freund beim Heraushieven des Sackes aus dem kalten Wasser behilflich war.

„Sicher … oder man kann einfach nur lesen.“ meinte Dougan und deutete auf die unverkennbare Aufschrift „Kllummquists Kartoffelparadies“, die quer über dem Sack zu erkennen war.

Der Sack war tatsächlich nur durch das Wasser getränkt so schwer geworden, denn er schien ansonsten leer zu sein. Nur eine winzig kleine Ausbuchtung zeugte von einem Inhalt, den die Gefährten in großer Neugier flugs befreien wollten.

„Da bin ich ja gespannt!“, rieb sich Freddy freudig erregt die Hände. „Das ist ja wie beim Entern letzte Woche vor der Küste. Erinnerst Du Dich, die gigantische Ladung Schokolade und Gummibärchen. Ich glaube der König war nicht sehr davon begeistert, dass wir ihm die Geburtstagsüberraschung seiner Tochter vermasselt haben.“

Dougan achtete diesmal nicht auf die Worte seines Freundes, sondern öffnete behutsam den Knoten, der den Sack verschlossen hielt. Nach kurzem Nesteln gelang es ihm endlich die Schlinge zu lösen. Er blickte hinein, konnte aber im Dunkeln nichts erkennen. „Reich mir mal die Laterne, ich kann nichts sehen und einfach so reingreifen werde ich sicherlich nicht!“ Nachher würde ihn noch ein kleines Monster angreifen, wie z. B. ein flutschiger Tausenddärmler, die das eine oder andere Mal von Fischern gefangen und dann in einem Behälter oder Leinensack zurück ins Wasser geworfen wurden. Flutschige Tausendärmler waren eigentlich gar nicht gefährlich, nur waren sie einfach so extrem flutschig, dass sie keiner berühren wollte – es flutschte zu sehr.

Langsam schwenkte Freddy die Laterne über die Öffnung des Sackes. „Sieht nicht nach einer Gefahr aus, eher nach einer Fellmütze oder einem alten Handschuh.“ Dougan griff nun beherzt nach dem bewegungslosen, fellartigen Ding und zog es heraus. „Was ist das denn?!“ Freddy kratzte sich fragend am Kopf. „Sind das Ohren?!“ Plötzlich schrie er auf und hüpfte voller Angst auf die Rumkiste. „Huch … eine Fledermaus!!“

„Buuuuhhhh!“ lächelte Dougan und zuckte dabei gefährlich lächelnd mit den Augenbrauen. „Eine Wasserfledermaus im Sackgewand.“

„Geh weg damit, schmeiß es wieder ins Wasser. Ich mag keine Fledermäuse!“

„Das ist doch keine Fledermaus. Es sieht eher aus wie ein kleiner Hamster oder eine Maus mit übergroßen Ohren.“

„Ich mag auch keine Mäuse. Okay … Hamster mag ich schon eher.“ Er kletterte langsam von der Kiste und lugte vorsichtig über die Schulter seines Freundes.

Tief im Herzen war Dougan, dessen Vorfahren als “Corsarios Rojos” die Weltmeere unsicher gemacht hatten, ein herzensguter Mensch. Es umgab ihn sozusagen eine harte Schale, darunter schlummerte ein samtweicher Kern. Gerade wenn es um Tiere ging, öffnete Dougan sein Herz – egal, ob klein, groß, dick oder dünn, er liebte alle Lebewesen. Manche witzelten über seine Tierliebe und bezeichneten den Seeräuber als verkappten Waldoger. Hier wusste Dougan dann aber doch selbstbewusst mit seinem schweren Korsarensäbel zu überzeugen. Seitdem schwiegen seine Kumpane, wohl wissend, dass es der Gesundheit abträglich sein würde, wenn man sich über ihn oder das Leid von Tieren lustig machte.

„Wer … was bist Du?“ Dougan streichelte behutsam über das völlig durchnässte und eiskalte Tier, welches gerade einmal quer in eine seiner Handflächen passte. Man konnte nur anhand der übergroßen Ohren und dem Fell erkennen, dass es sich überhaupt um etwas einstmals Lebendiges handelte. Er vergaß über diesen Fund die tatsächliche Suche nach dem Silber, die ihn mit seinem Freund des Nachts hier hergeführt hatte.

„Scheint nicht mehr am Leben zu sein.“ Freddy stupste das Fellknäuel sanft an, wobei sich nichts rührte. Er stupste erneut, wieder nichts.

„Wenn Du noch einmal stupst, dann stupse ich Dich elegant ins Wasser.“ Dougan blickte streng über seine Schulter und überlegte, was er mit seinem Fund machen sollte. Ein totes Tier brachte ihm nichts ein, dabei benötigte er morgen das Silber für den Kauf eines Schiffes. Sollte er es nicht kaufen, fiel es in die Hände seines ärgsten Kontrahenten und Dougan musste weiterhin als normaler Pirat für einen anderen Mannschaftsführer schuften. Ein Schiff zu erwerben, diese Gelegenheit kam in Piratenkreisen nicht so häufig vor, nur dann, wenn ein anderer Kapitän verstarb und kein würdiger Nachfolger gefunden wurde. Dann schrieb der König der Piraten, so stand es fest verankert im Piratengesetz, das Schiff zur Versteigerung aus. Eine solche Gelegenheit durfte und wollte sich Dougan nicht entgehen lassen. Es war die einzige Chance als Kapitän eingesetzt zu werden und somit in der Hierarchie nach oben zu klettern. Dougan’s Ziel war wagemutig und hochgesteckt, denn er wollte einmal der König aller Freibeuter werden. Dies gelang ihm natürlich nur mit dem richtigen Schiff und der entsprechenden Besatzung. König konnte nur der werden, dem es gelang, die meisten Kaper- und Raubzüge erfolgreich an Deck zu ziehen. Der Ruhm kam über das erbeutete Gold, der Glanz eines Königstitels über die Anerkennung der übrigen Kapitäne.

„Wir nehmen es mit. Ich kenne nur einen, der diesem Tier helfen kann.“ Dougan dachte dabei an den alten Hexenmeister, der für die Piraten das eine oder andere Zauberelixier braute. Er kramte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wickelte das winzige Ding wie ein rohes Ei wärmend ein. „Gib mir bitte Dein Kopftuch.“ Freddy reichte ohne Widerworte seine türkisgrüne Kopfbedeckung und offenbarte damit eine leicht zerzauste, graumelierte Halbglatze. Eigentlich kannte ihn niemand ohne sein legendäres Tuch, auf deren Vorderseite in großen Lettern das Wort PARADISE zu erkennen war. „Danke, mein Freund.“

Freddy lächelte, denn er wusste, wie wichtig seinem besten Freund Nächsten- und Tierliebe waren. Es klang schon seltsam, bei einem Piraten von Nächstenliebe zu sprechen, jedoch verband Dougan mit seinen räuberischen Taten auf offener See eine Art Liebe zu jenen Lebewesen, die es nicht so leicht im Leben hatten oder an Land ausgebeutet wurden. Er nahm, jedoch gab er auch großherzig und das machte ihn zu einem besonderen Menschen – Pirat hin oder her.

Freddy hisste ohne weitere Worte zu verlieren das kleine Segel des Bootes und setzte Kurs auf Paradise, Hauptstadt der Piraten. Vergessen war das Silber, vergessen der Anspruch auf ein Schiff, welches beiden Männern eine bessere Zukunft versprach. Nun ging es nur noch um die schnelle Hilfe für ein zartes Lebewesen.

So begann die innige Freundschaft zwischen Dougan, dem Piraten und Ascardia, einer Mischung aus Hund und Mondluchs, die augenscheinlich mehr als edle Katze geboren und fast – ja, nur fast – einem Schicksal auf dem kalten Grund eines Sees ausgesetzt wurde.

Drum hilf, wenn Du helfen kannst und bedenke dabei, dass der Starke stets dem Schwachen eine helfende Pfote – oder Hand – reichen sollte.

DOUGAN’S SONG. ALMA GEMELA.

Artist: Juan Ochoa
Lyrics: Hendrik Birke