Es war einmal ein beschauliches Fischerdörfchen. Dort lebten glücklich und zufrieden Ardaven und viele weitere Fischer mit ihren Familien und erfreuten sich des Fischfangs, der sie täglich ernährte. Alles, was die Menschen nicht verzehrten, verkauften sie auf einem Markt. So konnten sie Kleidung, Spielsachen für die Kinder, Brot, Gemüse und andere nützliche Dinge zum Leben erwerben. Alles war gut und den Menschen des kleinen Dorfes mangelte es an nichts.

Bis … ja bis der König der Hafenstadt Ayra eines Tages auf die nimmersatte Idee kam, seine Fischfangflotte zu vergrößern. „Mehr Fische, mehr Gold!“ So lautete seine Devise. „Was kümmern mich die kleinen Dörfer. Die Leute können ja gerne in meine Hafenstadt ziehen und dort für mich arbeiten.“

Des Königs Fischfangflotte war so gigantisch, dass den umgrenzenden Fischerdörfern nichts mehr blieb. Ihre Netze blieben leer, egal, wie weit sich die Fischer auf die Baatorianische See hinauswagten. Die Familien nagten am Hungertuch, denn die Ersparnisse der vergangenen Jahre neigten sich dem Ende zu.

„Was sollen wir nur tun?“, fragten die Fischer bei einer Versammlung. „Unsere Kinder verhungern. Uns bleibt nichts anderes übrig als unsere Dörfer zu verlassen und woanders nach Arbeit zu suchen.“

„Wir sind Fischer. Was können wir denn schon großartig?“ Ardaven, ein aufrechter, groß gewachsener Mann, erhob Einspruch. „Es gibt noch einen Fischgrund, den wir noch nicht befischt haben.“

Die anderen Fischer blickten mit ängstlicher Miene. „Du denkst doch nicht etwa an den Abgrund? Jeder mutige Mann, der dort sein Glück versuchte, wurde in die Tiefe gerissen und kehrte nie wieder zurück!“

„Wer sein Glück nicht in der Ferne des Ozeans sucht, der ist kein wahrer Fischersmann.“ Ardaven war absolut überzeugt, dass er dort für sich und die Menschen, die er liebte sein Glück finden würde. „Es geht um Fische und darum, uns alle zu ernähren. Wir bereichern uns nicht! Der Gott des Glücks wird mir seine helfende Hand reichen.“

Gesagt, getan. Am nächsten Morgen stich Ardaven direkt nach Sonnenaufgang mit seinem rustikalen Fischerboot in See. Gut gelaunt pfiff er eine alte Fischermelodie und hoffte inständig, dass ihm die Götter beistanden.

Der Abgrund lag vor einer abgelegenen Insel, um die alle Seefahrer einen riesigen Bogen machten. Alten Geschichten nach, sollte dort auf der Insel eine Hexe leben und jeden Gestrandeten mit Haut und Haaren verzehren. Deshalb lag das Eiland auch in dichten Wolken, denn man glaubte, es handelte sich nicht um Nebelschleier, sondern um den miefigen Rauch des Feuers unter dem Kochtopf der bösen Hexe.

Ardaven manövrierte sein Boot furchtlos in den Nebel. Urplötzlich schienen alle Geräusche aufgrund der undurchdringlichen Nebelfetzen verschluckt zu werden. „Gerade noch Sonnenschein und nun dies Gewölk; das kann ja heiter werden.“ Die gespenstische Stille ließ das Herz des tapferen Fischers schneller schlagen. Bis auf 3 Meter war um sein Boot nichts zu erkennen, nur dieser grau-tanzende Dunst. „Dann werde ich hier mein Netz auswerfen. Mehr als einen guten Fang kann ich hier wohl kaum erwarten.“

Sein Fangnetz flog im hohen Bogen in die ruhige See und verschwand nach einem platschenden Geräusch tief im dunklen Wasser. Ardaven machte es sich in seinem Boot gemütlich. Er war kein Hasenfuß, er glaubte stets ans Gute und vertraute seinen Fähigkeiten. Er stopfte seine Pfeife und schmauchte mit Genuss den feinen Tabak, dem ihm seine geliebte Frau neben Wasser und Brot eingepackt hatte.

Plötzlich hielt Ardaven mit dem Schmauchen inne. Was war das? Ein Geräusch, wie ein leises Planschen, direkt hinter ihm. Er drehte sich blitzartig um. Da war nichts … nur Stille. „Hhmmmm …“, brummte der Fischer in sich hinein. Da war es wieder! Dieses sanfte Plätschern direkt hinter ihm. Wieder drehte er sich, konnte aber nichts erkennen. „Ich werde langsam bekloppt. Oder alt.“, murmelte Ardaven, während er die Tabakreste seiner Pfeife an der Reling ausklopfte.

„Guck guck!“ Eine liebliche Stimme war zu vernehmen. Ardaven erstarrte wie zu einer Salzsäule. Sein Herz pochte. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Die Pfeife fiel ihm vor Schreck aus der Hand ins Wasser. Irgendjemand oder irgendetwas tippte ihm leicht auf die Schulter. „Wer bist Du denn?“

Aus den Augenwinkeln heraus, ohne erkennbare Bewegung seiner Augäpfel, versuchte Ardaven zu erkennen, was denn da auf seiner Schulter ruhte. Nur nicht hektisch bewegen oder herumhüpfen, dies erschien ihm der sicherste Umgang in dieser heiklen Situation.

„Huhu … kannst Du sprechen?“, säuselte erneut die Stimme aus dem vermeintlichen Nichts. Die Stimme nahm Ardaven von vorne wahr, während das Ding auf seiner Schulter eher von hinten kam. Wieder tippte es, diesmal auf den Hinterkopf. „Also wenigstens bist Du noch nicht ins Wasser gehopst oder hast auf mich geschossen. Das ist doch schon mal ein Anfang.“

Langsam löste sich die Anspannung aufgrund seiner naturgemäßen Neugier. Er drehte langsam den Kopf und erkannte eine lavendelfarbene Tentakel, die ihm scheinbar fröhlich zuwinkte. Also, genau genommen keine normale Tentakel, schon etwas größer als die ihm bekannten Arme von Kraken.

„Oooohhh … ein Krake.“, flüsterte Ardaven, fasste allen Mut zusammen und schüttelte freundlich die ihm gereichte Tentakel. „Mein Name ist Ardaven.“

„Das ist ein sehr schöner Name, Ardaven. Ich heiße Yara.“

„Du bist ein Oktopus. Ich habe jedoch noch nie ein Exemplar mit einer solch prächtigen Couleur gesehen.“ Ardaven verspürte keine Angst mehr, er war ein Mann des Wassers. Der Ozean war sein Zuhause. Er kannte alle Lebewesen des Meeres und hatte stets Respekt vor den Bewohnern der See. Schließlich ernährten sie ihn. Er dankte es ihnen, indem er fortwährend den Schutz des Wassers pflegte und dieses Wissen an seine Kinder weitergab. „Ich dachte schon, Du bist die Hexe von der Insel und willst mich holen!“

„Vielen Dank für das Kompliment hinsichtlich meiner zarten Haut. Dabei hast Du mich noch gar nicht in kompletter Gestalt wahrgenommen.“ Nun kicherte die Stimme aus dem Nebel. „Hexe? Welche Hexe? Auf dieser Insel leben höchstens ein paar Schlammtümmler und Sandstrolche. Ansonsten ist die Insel verlassen. Aber mit Verlaub, es ist eine wunderschöne Insel. Nur möchte dort irgendwie niemand leben.“ Dann wurde die Stimme leiser und klang fast traurig. „Könnte aber auch an mir liegen. Du bist der erste, der nicht schreiend davon schwimmt, mich mit riesigen Kanonenkugeln zuballert oder einen Herzstillstand erleidet.“

Ardaven stellte sich aufrecht ins Boot. „Aber bitte … Kraken sind wunderbare Geschöpfe des Meeres. Wer sollte denn Angst vor Dir haben? Du scheinst eine sehr nette Krakenerscheinung zu sein. Du klingst jedenfalls sehr lieb.“

„Na denn … hier bin ich für Dich in voller Gestalt. Festhalten bitte!“

Das Wasser um das Boot geriet urplötzlich in starke Bewegung. Es brodelte und schäumte. Gischt prasselte in das Gesicht des unerschrockenen Fischers. Ardaven konnte sich kaum auf den Beinen halten. Schließlich durchbrach eine riesige Gestalt den Nebelschleier direkt vor ihm und er blickte in zwei gigantische Augen, die trotz ihres Schreckens etwas Liebevolles verbargen.

„Heilige Wasserpfeife … das ist unmöglich!“

Ein gewaltiger Oktopus schwamm scheinbar schwerelos vor ihm im rauschenden Wasser.

„Was ist unmöglich? Eine Hexe, die Menschen frisst, daran glaubt ihr Menschen. Aber bei einem etwas größeren Krakenmädchen, da wird es dann eng im Fantasiegebälk?!“ Yara lachte fröhlich, denn Ardaven war tatsächlich der erste Mensch, der nicht angstschlotternd vor ihr floh. Dies erfüllte sie mit großem Glück. „Darf ich Dich knuddeln, Ardaven?“

Ardaven schüttelte kurz innerlich den Kopf. Natürlich hatte Yara mit ihrem Argument vollkommen Recht. Wie dumm Menschen eigentlich waren und alles glaubten, was ihnen irgendein Dummkopf einredete. Dabei sollte man sich stets ein eigenes Bild von einer Geschichte machen, auch wenn es zunächst gefährlich erschien. Doch mit Mut und Spucke konnte man selbst herausfinden, was der Wahrheit oder einer Lüge entsprach.

„Ähhhh … natürlich!“, stammelte Ardaven verlegen. „Aber bitte nicht zu fest, sonst bleibt ja nichts von mir übrig!“

„Ach, wie wunderbar!“ Yara klatschte vor Freude in alle 8 Tentakeln und herzte voller Inbrunst den Fischer. „Weißt Du, wie schön es ist, wenn man mal in die Arme genommen wird?“

Nun musste Ardaven lachen. „Ja klar, weiß ich das. Ohne die Umarmung meiner Kinder oder meiner Frau wäre ich nur ein halber Mensch.“

Die beiden glucksten vor Freude und hielten sich ganz fest. Dabei hatte es Ardaven etwas schwerer, denn die Oktopus-Dame war groß und zudem sehr flutschig.

Yara setzte den Fischer sanft zurück ins Boot. „Woher kommst Du und was suchst Du hier?“

Ardaven erzählte Yara von dem gierigen König. Das sein Fischervölkchen keine Nahrung mehr fand und er hier nach neuen Fischgründen suchte.

„Und Du, liebe Yara? Was ist Deine Geschichte?“

„Ich lebe hier seit vielen hundert Jahren. Ganz allein und einsam. Jeder, der mich sieht nimmt sofort Reißaus.“ Sie seufzte von tiefstem Herzen. „Und wenn ich neue Freunde suche, dann haben alle Angst und wollen meinen Tod.“

Ardaven wurde traurig, denn das hatte kein Lebewesen, egal, ob zu Wasser, Land oder Luft verdient. Jedes Wesen sollte geliebt werden, kein Umstand und kein äußeres Erscheinungsbild sollte andere dazu verleiten, ein gemeines Urteil zu fällen.

Er überlegte kurz und fasste einen kühnen Entschluss. „Du sagtest mir, dass auf der Insel niemand leben möchte.“ Ardaven nahm die Spitze einer Tentakel liebevoll in seine Hand und umschloss sie. „Was hältst Du davon, wenn das Fischervolk auf die Insel zieht? Wir ernähren uns von den Fischgründen, keiner stört uns und du wirst sehr viele neue Freunde finden, die du ins Herz schließen kannst.“

Yara zuckte kurz und wirkte fassungslos. „Ehrlich? Du zu mir? Und Du bringst gleich alle Deine Freunde und Deine Familie mit hierher zu mir?! Also … so eine richtig große Familie mit allem Drum und Dran?!“ Sie zitterte am ganzen Leib vor Freude. „Das wäre soooooooooooo schöööööööön! Das würdest Du für mich tun?“

Der Fischer grinste über beide Ohren. „Ja, aber eine Sache müsstest Du dann für mich tun.“

„Und was genau?! Einen dicken Kuss auf Deine rote Backe? Einen Querwuschler durchs Haar? Oder gar einen Knuddelmuggler mit Anfassen?“

„Hhmmm, das wäre auch toll … aber komm näher … ich flüstere es Dir ins Ohr.“

Yara zögerte keinen Moment und schwamm ganz dicht an Ardaven heran. Er flüsterte ganz leise, selbst die Nebelschwaden waren lauter.

„Ha ha … ja, das kann ich erledigen. Sehr gerne sogar!“ Sie klatschte vor Freude in ihre Tentakeln. „Hand … ääähhh … Tentakel drauf! Ach, das hast Du übrigens vorhin verloren.“ Yara reichte dem Fischer die Pfeife, die er vor lauter Schreck ins Wasser fallen hatte lassen.

„Ich habe heute einen wunderbaren Schatz gefunden. Ich danke Dir, liebe Yara.“ Ardaven umarmte Yara erneut und spürte, dass er heute seine Seelenverwandte fürs Leben gefunden hatte.

Die Fischer zogen mit ihren Familien auf die abgelegene Insel, die von nun an – genau wie Yara – nicht mehr einsam war. Dort erbauten sie eine prächtige Stadt mit dem liebreizenden Namen “PARADISE”.

Der König von Ayra brandmarkte voller Neid und Zorn die Fischer zu Piraten, obwohl sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal in die Nähe einer Muskete oder eines Säbels gekommen waren.

Aber, ein schlechter Ruf eilt schnell voraus und das Schicksal erschafft das eine oder andere Mal wundersame Legenden – ob wir es wollen oder nicht.

Die Fangflotte des Königs von Ayra verschwand eines Tages wie vom Ozean verschluckt. Einige munkelten, die Schiffe wurden von einem riesigen Seeungeheuer in die Tiefe gezogen. Andere meinten, ein Unwetter hätte das Geschwader vernichtet. Was tatsächlich passierte, wissen am Ende nur Ardaven und Yara.

Jedes Böse hat einen Anfang und seine eigene Geschichte. Jedes Gute scheint nur an der Oberfläche schön und rein zu sein. Versuche stets beide Seiten zu verstehen und Du wirst immer den gerechten Weg gehen.

Bedenke stets, bevor Du urteilst: nach außen hin mag es “böse” Lebewesen geben, aber sieh genauer hin und Du wirst erkennen, dass das vermeintlich Böse auch etwas Gutes verbirgt. Jedes Böse hat einen Anfang und seine eigene Geschichte. Jedes Gute scheint nur an der Oberfläche schön und rein zu sein. Hör auf Dein Herz und Du wirst erkennen: Gut und Böse liegen immer im Auge des Betrachters. Für des einen wunderschön, für des anderen hässlich. Versuche stets beide Seiten zu verstehen und Du findest den wahren Weg des Kompasses.