Die königliche Entscheidung war gefallen und Serenity ließ partout keine weitere Diskussion zu. Raphael sollte bei Dougan und dem Segler bleiben, damit dieser nicht verschwinden würde, denn sie benötigten das Schiff. So jedenfalls argumentierte die Prinzessin. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass der Pirat in ihrer Nähe bleiben würde, da der Kompass den Freibeuter auserwählt hatte.

Das blaue Kleinod konnte sich nicht irren, außerdem hatte sie ihn darum gebeten und wer konnte einer solch entzückenden Maid wie der Prinzessin schon einen Gefallen abschlagen. Raphael tat sich schwer, denn er hatte ihrem Vater geschworen auf seine Tochter aufzupassen, egal, was passieren würde. Schweren Herzens ließ er die beiden ziehen, zumal Serenity mit ihrer bestechend herzlichen Art jedes männliche Wesen zu überzeugen wusste. Sie entschied sich für die Begleitung durch den Waldoger. Herman strahlte, genau wie Raphael, diese enorme Sicherheit und Kraft aus, sobald man sich in seiner Nähe befand.

Die beiden hielten nach einer schmalen Passage Ausschau, um den ruhig fließenden Strom, der sich bis hinunter zum See Dereorchy schlängelte, sicher überqueren zu können. Wobei ein heimlicher Zuschauer wahrscheinlich staunend dabei zusah, wie der grüne Riese die Beschaffenheit des Ufers mit vorsichtigem Ertasten ergründete und dabei am Flussrand entlang balancierte. Herman gehörte eben zu der Sorte von Waldogern, der jede Aufgabe, jedes Problem oder jeglichen Grund, egal wie hoch, wie schwer oder wie tief, zunächst fachkundig ergründete, bevor er sich hineinstürzte. Dazu gehörte auch die sorgsame Wahl des perfekten Sprungs ins kalte Nass. Sie mussten hinüber, ob sie wollten oder nicht, denn der Weg zur alten Bekannten des Ogers führte über den Fluss. Er nahm dabei die Prinzessin auf den Arm, um sie wohlbehalten und trocken auf die andere Seite befördern zu können.

Wohlbehalten erreichten sie das andere Ufer, um dort ihren Weg in den angrenzenden Wald fortzusetzen. Es war ein kleiner Pfad zu erkennen, der tief in den dichten Laubwald führte. Schon bald hatte sie das dichte Dickicht verschluckt und das Licht der Sonne brach nur noch spärlich durch das dicke Geäst. Trotzdem fand der Waldoger routiniert seinen Weg, denn genau hier lag seine Heimat. Kleine Schmetterlinge, in bunten Farben begleiteten die beiden auf ihrem Weg. Die Insekten schienen von innen heraus erhaben zu glühen, während die Spitzen ihrer Flügel kleine, feine Lichtbögen mit jedem Flügelschlag in die von jungem Laub geschwängerte Waldluft zauberten.

„Welch anmutiger Anblick.“ Serenity deutete verzaubert auf die herrlichen Falter. „Sind sie nicht wunderschön?“

Herman freute sich, endlich wieder in Freiheit in seinem geliebten Wald zu sein und streckte eine Hand aus. Einer der Schmetterlinge landete sogleich auf dieser und leuchtete augenscheinlich noch heller. Es war ein herrlicher Falter mit leuchtend, elfenbeinfarbenen Flügeln, die an den Spitzen feuerrot zuliefen.

„Das sind Flammenflügler. Sie dienen uns bei Dunkelheit als sicheres Geleit, da sie Licht spenden. Fast ähnlich wie Glühwürmchen, nur etwas flatterhafter.“

Er setzte ihr den Schmetterling sanft ins Haar, wo er zunächst ruhig verharrte. Serenity kicherte. Sie versuchte ihn zu fangen, jedoch drehte er aufgeregt zuerst ein paar Runden um den Kopf der verdutzten Prinzessin, um anschließend seinen Weg in höhere Gefilde mit wildem Flügelschlag fortzusetzen. „Selten zuvor sah ich einen so wunderschönen Schmetterling.“ jauchzte sie voll Freude und klatschte in die Hände, während sie dem beschwingten Flug des leuchtenden Wesens folgte.

Die beiden erreichten schließlich eine kleine Lichtung, die sich inmitten des scheinbar grenzenlosen Waldes in der hellen Mittagsonne vor ihnen auftat. Vor ihren Augen lag ein kleines, fliederfarbenes Häuschen, aus dessen rotem Schornstein kleine Wölkchen wie Wattebäuschchen in den Himmel pufften. Umrahmt von einem schmalen, weißen Lattenzaun, der nicht höher als ein Meter sein konnte und einem Garten, mit den schönsten Blumen verschiedenster Größen und Farben, wirkte das Haus wie einem Traum entsprungen.

Sie traten näher und entdeckten eine ältere Frau mit grau-blondem Haar, die geschäftig mitten zwischen all diesen bildschönen Pflanzen auf Knien im Erdreich buddelte und irgendetwas vor sich hinmurmelte.

„Hallo!“, rief Serenity freundlich. Herman blieb hinter ihr und lächelte verschmitzt.

Die alte Dame wühlte munter weiter ohne augenscheinlich Kenntnis von den beiden Besuchern zu nehmen.

„Guten Tag. Falls ihr zu fortgeschrittener Zeit noch Frühstück sucht, dass befindet sich auf der Veranda. Greift einfach zu. Ich muss hier noch etwas erledigen.“

Serenity war erstaunt, jedoch ging von der alten Frau keine sichtbare Gefahr aus. Herman musste sich zunächst bücken, um durch einen kleinen Torbogen, der mit prächtigen Blumenranken verziert war, auf den Weg zu gelangen, der vorbei an der alten Dame zum hölzernen Vorbau führte. Dort fanden sie einen hübsch gedeckten Tisch mit knusprig-braunem Brot, goldgelber Butter, buntem Obst, fruchtiger Marmelade und einen dampfenden Teekessel.

„Was kann es Schöneres geben als an einem sonnigen Tag in einem Garten voller Blumen ein üppiges Mahl genießen zu dürfen.“ Herman griff in die Vollen und butterte sich erst einmal eine dicke Scheibe Brot mit großzügigem Aufstrich, während die Prinzessin einen Apfel verzehrte.

„Sehr fein!“, bedankte sich Herman schmatzend in Richtung Hausdame. „Darf ich mir davon etwas für den Weg einpacken?“

Nun erhob sich die Frau und drehte sich zum Waldoger, welcher fröhlich mampfend auf der Treppe der Veranda saß. Sie reinigte ihre Hände an ihrer blauen Arbeitsschürze und trat näher an ihn heran.

„Natürlich, es ist genug für alle da. Dein Appetit ist Dir in den letzten Jahren jedenfalls nicht abhandengekommen.“

„Tja … und Dein grüner Daumen ist nach wie vor der beste im ganzen Lande. Selten zuvor habe ich so schöne Blumen gesehen. Ehrlich gesagt, habe ich noch nie so entzückende Blumen gesehen … und das soll schon etwas heißen.“

„Du kennst Dich also mit Blumen aus?“

„Aber bitte … Blume ist mein zweiter Vorname.“

Die alte Dame lächelte und pustete sich eine blond-graue Strähne ihres langen Haares aus dem Gesicht. „Na wenn das so ist, dann nenn’ ich Dich ab sofort Blümchen.“

Herman lachte erfreut, lief auf die Frau zu, um sie zu drücken und zu herzen. „Oh Charlotte! Was habe ich Dich vermisst!“ Sie lachte ebenso munter und ließ sich voller Vertrauen mehrfach in die Luft heben.

„Wo warst Du nur all die letzten Jahre? Kein Sterbenswörtchen, keine Nachricht! Ich habe mir große Sorgen gemacht.“

Herman setzte Charlotte sachte auf den Boden zurück. Sein Blick sprach Bände, denn die alte Dame kannte ihn bereits seit langer Zeit. Er musste keinen Ton sagen und Charlotte wusste, dass etwas Schlimmes passiert war. Sie streichelte fürsorglich über seine grün schimmernde Wange. „Was haben sie Dir nur angetan?“

Der tiefe Seufzer des grünen Riesen sagte mehr als tausend Worte. „Es ist gut … nun bist Du ja bei mir. Erzähl es mir, wenn Dir danach ist. Lass uns einen Tee trinken und …“ noch bevor Charlotte ihren Satz beenden konnte, unterbrach sie eine freudig erregte Stimme aus dem hohen Gras direkt neben dem hübschen Brunnen, der in der Mitte des Grundstücks frisches Wasser aus der Tiefe der Erde spendete. „Er ist wieder da! Unser Bruder ist wieder da!“ Aufgeregtes Stimmengewirr folgte dem gellenden Ruf eines scheinbar unsichtbaren Wesens. Oder sollte es sich etwa um einen Zauberbrunnen handeln, der zum Plaudern aufgelegt war? Serenity zeigte sich irritiert, denn sie konnte nichts erkennen.

„Wie oft habe ich Euch schon gesagt, dass Ihr niemanden unterbrechen sollt! Das ist ungezogen und zeugt von unhöflichen Manieren.“ Charlotte drehte sich zum Brunnen und erhob drohend den Zeigefinger. „Kommt gefälligst hierher und begrüßt unsere Gäste so, wie es sich gehört!“

Stille gefolgt von murmelnden Geräuschen. „Ist ja gut … wir kommen ja schon. Kommt, Freunde! Wir dürfen unseren verlorenen Bruder doch nicht so lange warten lassen.“

Serenity traute ihren Augen kaum. Es handelte sich um Frösche, genau genommen um drei. Die grünen Amphibienvertreter hüpften aufgeregt zu Herman. Einer platzierte sich auf seiner rechten, der andere auf der linken Schulter. Der dritte Frosch landete gekonnt auf dem Schädel des Waldogers, direkt zwischen den abgesägten Hörnern, deren kohleschwarzen Stümpfe vom Versiegeln durch Feuer ihre eigene schmerzvolle Geschichte erzählten.

„Bruder, was haben wir Dich vermisst! Wo warst Du? Wie ist es Dir ergangen?“, fragte der erste Frosch, der mit erhobener Brust auf der rechten Schulter hin und her spazierte. Er trug ein modisches Jäckchen, was darauf deutete, dass es sich hier um einen modebewussten Freigeist handelte. Bei allen drei Fröschen war die Zeichnung einer kleinen Krone auf der Hautoberfläche zu erkennen. „Wie siehst Du nur wieder aus. Du brauchst dringend eine Typ- und Stilberatung.“

„Hallöchen, meine herzallerliebsten Quaktaschen.“, lächelte Herman schelmisch. „Ich freue mich sehr, Euch wieder zu sehen. Freddy, immer noch der Schönste von Euch Dreien.“ Dabei nickte er dem schlanken Frosch zu, der ihn von oben bis unten musterte und dabei gedanklich Maß nahm. „Schneiderst Du nach wie vor, Freddy? Wie ich sehe, trägt Charlotte unter der Gartenschürze wieder einmal ein famoses Kleid. Dein Entwurf, vermute ich?“

Freddy wuchs gedanklich um zwei Meter, als er stolz auf seine Handwerkskunst verwies. „Richtig, gut erkannt. Du weißt eben, wer von uns Dreien am meisten auf dem Webstuhl hat.“

„Pah … am meisten auf dem Webstuhl! Ich komme gleich rüber und ziehe Dir Deine Froschschenkel lang!“, entgegnete der Frosch auf der gegenüberliegenden Schulter mit breiter Brust. „Zieh Dir das rein, Herman. Was nutzen schon Nadel und Faden, wenn man die mit der Kraft meiner Muckis ohne Probleme verbiegen kann?!“ Er deutete dabei auf seinen eindrucksvollen Bizeps, den er auf und abspringen ließ. Es handelte sich eindeutig um einen sportlichen Ableger der Froschfamilie.

Der Waldoger zeigte sich belustigt, aber auch bewundernd. „Teddy, Du wirst ja immer breiter. Ziehst Du Dir immer noch eimerweise diese dicken Mehlwürmer rein? Eiweiß ist zwar gesund, jedoch alles in Maßen. Wenn Du so weitermachst, dürfte es für Dich wohl bald kein Problem mehr sein, um meinen Hammer zu schwingen.“ Der gestählte Frosch zeigte sich selbstbewusst.

„Lieber Mehlwürmer und Seegras als den ganzen Tag irgendwelche Diäten, nur um einem Modetrend zu folgen.“

„Ja, aber ich kann mich wenigstens noch am Rücken kratzen, im Gegensatz zu Dir mit Deinen aufgepumpten Gummiärmchen.“ Freddy konterte schlagfertig, obwohl er seinen Bruder sehr für die Disziplin und Ausdauer hinsichtlich des täglichen Trainings bewunderte. „Außerdem bist Du ja nur neidisch, weil ich den besseren Blick für Ästhetik habe.“

„Nee, hast Du nicht, ansonsten würdest Du nicht dieses tussige Jäckchen tragen! Das ist doch eher was für weich gespülte Teichlutscher.“

„Jungs, hört damit auf! Herman ist nicht hierhergekommen, damit er sich Eure Zankereien anhört. Dort drüben sitzt übrigens noch eine Dame. Zeigt Benehmen und stellt Euch kultiviert vor.“ Charlotte unterbrach das Geplänkel der beiden Frösche, die augenblicklich verstummten. „Charly, komm da oben runter, es gibt dort oben nichts zu essen.“

Der dicke Frosch, der es sich zwischen den ehemals wohl geformten Hörnern des Waldogers gemütlich gemacht hatte, schreckte hoch. „Essen?! Wo?“

„Nein! Du sollst da runterkommen und Dich unserem weiblichen Gast vorstellen.“

Freddy blickte fassungslos zum Kopf des grünen Riesen. „Wo sind Deine Hörner?! Mein Gott, das ist ja schrecklich.“

Er hüpfte zu seinem dicken Bruder hinauf und inspizierte wie ein Feldmarschall die beiden verrußten Stumpen. „Meine Güte … das können wir aber so nicht lassen!“ Er rieb sich kurz nachdenklich am Kinn, um dann mit einem gewaltigen Hüpfer in Richtung Brunnen zu verschwinden. „Herman … folge mir und bring bitte gleich meine Brüder mit. Ich habe da eine wunderbare Idee.“

„Wann gibt es denn etwas zu essen?“ fragte der etwas dickere Frosch seinen Bruder, während sie, gefolgt von Herman, mit großen Sprüngen Freddy ins Gras folgten. „Du denkst nur ans essen … wir müssen jetzt Herman helfen, danach kannst Du wieder futtern.“

„Entschuldige bitte … manchmal vergessen Sie einfach Sitte und Anstand.“ Charlotte setzte sich zu Serenity auf die hölzerne Veranda. Sie reichte ihr die Hand. „Ich bin Charlotte und bei meiner kleinen Familie handelt es sich um Freddy, Teddy und Charly. Sei ihnen bitte nicht gram, sie sind eben sehr sprunghaft.“

„Angenehm. Mein Name ist Serenity. Wie kann man solch’ entzückenden Fröschen denn böse sein?“

„Serenity? Die Tochter von Vyncent?“ Charlotte stutzte. „Was muss passiert sein, dass eine Prinzessin Deines Standes mit einem Waldoger durch die Wälder streift? Zumal es von den Waldogern nicht mehr allzu viele gibt. Dass Du auf Herman gestoßen bist, betrachte ich dabei noch als Glücksfall, denn die anderen Oger – ob im Wald oder den Bergen aufgewachsen – hassen die Menschen. Was ich irgendwie sogar verstehen kann.“

„Ich weiß … ich weiß …“ Serenity senkte verlegen den Kopf. „Meinen Vater plagen die schlimmsten Gewissensbisse und er versucht alles Erdenkliche, die begangenen Taten und seine Schuld zurück zu bezahlen.“

„Das glaube ich Dir, mein Kind. Ich kenne Deinen Vater von früher, als er noch kein König war.“ Sie lächelte verträumt. „Ein gut aussehender Heißsporn. Alle Mädchen unserer Stadt haben ihn geliebt. Immer für einen Streich zu haben, ohne dabei jemanden zu verletzen. Einer der letzten wenigen Männer, denen Ehre mehr bedeutet als Ruhm.“

„Gerade um diese hochgeschätzte Ehre kämpft er gerade, denn der göttliche Kompass wurde fast vollständig von bösen Kräften zerstört.“ Die Prinzessin erzählte der alten Dame von ihrem Auftrag, den letzten Tagen und wie sie Herman aus den Fängen böser Soldaten befreit hatten.

„Mein Kind, das alles hört sich furchtbar an. Ich bin sehr froh, dass Du Herman befreit hast, auch wenn es nur im Sinne des Kompasses war, der Dich zu ihm geführt hat. Darf ich dieses Schmuckstück einmal näher sehen?“

Serenity fischte den Kompass an der Kette aus dem Dekolleté ihres Kleides empor. Gerade, als sie ihn Charlotte reichen wollte, erkannte sie, dass der Kompass erneut hell leuchtete. Ein Wert erschien wie aus dem Nichts: Respekt. Die Nadel wies dabei direkt auf Charlotte, die noch nicht begriff, was gerade geschah. „Der Kompass hat auch Dich erwählt. Sieh selbst.“

Die Prinzessin reichte ihr das Kleinod. Mit großen Augen staunte sie über das warme Licht und die Worte, die dort nun gut lesbar zu erkennen waren. „Kraft. Ehre. Respekt.“, verlas sie leise. „Ich stehe also für einen der wertvollsten Werte, die es gibt. Schön zu wissen, dass ich von einem Anhängsel ausgesucht werde und keiner eigentlich genau weiß, wohin die Reise führt bzw. mit was wir den göttlichen Kompass retten können.“

Inzwischen gesellte sich Herman zu den beiden Frauen, die nachdenklich über den Sinn des Kompasses philosophierten.

„Herman! Du hast ja eine Kopfbedeckung erhalten. Hat sich unser eifriger Schneidergeselle also etwas Schönes für Dich ausgedacht.“

Eine gegerbte Ledermütze mit seitlichen Riemen zum besseren Halt bedeckte nun sein Haupt und verbarg dank raffinierter Nähkunst die abgesägten, verbrannten Hörner.

„Hübsch, sehr hübsch. Wie nett von Freddy, oder?“

Der Waldoger lächelte verlegen, wobei er zur Geltung brachte, dass ihm die neue Kopfbedeckung noch nicht ganz geheuer war.

„Was buddelst Du denn da hinten eigentlich herum, wenn ich so verwegen fragen darf? Benötigst Du Hilfe?“ dabei deutete er auf das große Loch am Weg, dass zu ihrem Haus führte. Er zwinkerte. „Man sollte die Pranken und das Wissen eines Waldogers niemals unterschätzen.“

„Das glaube ich Dir sehr gerne.“ Charlotte erhob sich. „Irgendwie will mir an dieser Stelle keine Blume wachsen. Ich habe nun schon mehrfach die Erde aufgeschüttet, frische Zwiebeln gepflanzt, immer wieder gegossen. Es nutzt alles nichts. Dort wächst nicht einmal der kleinste Grashalm.“

„Hmmmm … wenn Du erlaubst, werfe ich mal einen kurzen Blick darauf.“

„Natürlich, sehr gerne. Ich freue mich über jeden Rat.“

Herman spazierte gemütlich zu dem kleinen Loch. Zunächst schnüffelte er intensiv, nahm etwas Erde in das große Maul und ließ sich das Erdreich auf der Zunge zergehen. Er schloss dabei die Augen. Nun zermahlte er mit seinen beiden mächtigen Pranken kleinste Steine und warf sie in die Luft. Den Staub, der zurück fiel, sog er tief ein, um den Geruch intensiv aufzunehmen.

Er lief hin und her und grübelte. Plötzlich blieb der grüne Riese stehen. Er blickte über das große Blumenmeer des Gartens an den Waldrand. Sein scharfes Auge suchte irgendetwas und fand es schließlich. „Moment bitte … das haben wir gleich …“ Er rannte aufgeregt aus dem Garten, um kurze Zeit später mit zwei bräunlich schimmernden Pflanzen zurück zu kehren. Er reichte das Gewächs der alten Dame. „Braue daraus bitte einen Sud und gieße diesen zweimal täglich in das Loch. Du wirst sehen, in ein paar Tagen hat sich das Problem erledigt.“

„Was für ein Problem habe ich denn?“ Charlotte blickte erstaunt und nahm die braunen Pflanzen dankbar entgegen.

„Ein schleichender Siechentümmler. Genau genommen handelt es sich um seine Ausscheidungen. Diese Viecher erledigen ihr Geschäft aufgrund ihrer Wanderschaft unter der Erde auch direkt dort. Das Problem ist einfach, dass dort dann nichts mehr wächst, außer man zersetzt ihre Hinterlassenschaften mithilfe der braunen Alurie.“

„Na so was … ein Siechentümmler. Darauf hätte ich eigentlich kommen müssen. Komm, setz Dich bitte zu uns und trinke einen Schluck warmen Tee. Serenity hat mir bereits alles erzählt.“ Charlotte reichte Herman eine Tasse Tee und drehte sich zur Prinzessin. „Herman ist ein absolut talentierter Fach-Oger, wenn es um Pflanzen und die Natur geht. Jeder sollte seine eigenen Talente fördern, dann wäre diese Welt noch sehr viel schöner.“

„Ich weiß … er ist sehr hilfsbereit und vertrauensvoll, selbst zu Menschen, die er nicht kennt. Gibt es nichts, wovor Du Angst hast?“

Herman überlegte. „Nicht das ich wüsste … falls es mir einfällt, erfährst Du es als erste.“

„Naja … der Tee könnte ja auch vergiftet sein?“

Der Waldoger prustete erschrocken den Tee, den er gerade andächtig schlürfend getrunken hatte, in einer spritzenden Fontäne weit hinaus. Er blickte nun gar nicht mehr so fröhlich drein.

„War nur ein Spaß.“, kicherte die Prinzessin. Herman hüstelte leicht, da er sich vor lauter Schreck verschluckt hatte. Sie reichte ihm ein dickes Stück Brot, auf dem ein mächtiger Klacks Marmelade klebte. Mit einem großen Happs verschwand das Stück in seinem Maul.

„Meistens ist ohnehin die Marmelade vergiftet, dies gestaltet sich einfacher und hinterlässt keine Spuren. Zumal Tee ja nicht jeder mag.“ Charlotte zwinkerte vergnügt zu den Ausführungen der Prinzessin.

Herman hustete kräftig und klopfte sich dabei heftig auf die Brust.

„Bitte … Serenity … hört mit diesen Albernheiten auf!“

„Okay … beruhige Dich … die Welt ist schon ernst genug, da sollte man häufiger ein Späßchen wagen.“

Charlotte lachte laut, während der Waldoger immer noch mit Husten beschäftigt war. Die Prinzessin verstand in diesem Augenblick, dass hinter dieser in die Jahre gekommenen Fassade etwas Gutes verborgen lag. Sie konnte nur noch nicht zuordnen, was es war. Also fasste sie sich ein Herz und fragte einfach die nette, alte Dame. Nach der Devise, Fragen kostet nichts.

„Charlotte, woher kommst Du? Wieso hast Du einen solch wunderschönen Garten inmitten eines Waldes, den keiner kennt?“

„Also das den Garten oder mein Häuschen niemand kennt, dafür kann ich nichts. Post erwarte ich keine, also ist diese Tatsache halb so schlimm. Weißt Du, mein Kind, die Menschen sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie vergessen haben, die Natur zu schätzen. Oder sind Dir noch viele Menschen bekannt, denen eine Blume oder das zarte Summen einer Honigbiene wichtiger sind als Gold oder Reichtümer?“

„Da gibt es nur noch wenige, da gebe ich Dir recht.“ Serenity seufzte. „Jedoch soll man nicht aufhören, an das Gute zu glauben. Jederzeit behutsam das Schöne zu pflegen und in die Welt hinauszutragen.“

„Weise Worte, wie man es von einem königlichen Spross erwartet.“ Charlotte setzte sich neben ihre neue Freundin auf die knarrende Holztreppe vor ihrem Häuschen. „Vor vielen Jahren hatte ich einen kleinen Blumenladen. Meine Kunden schätzten die Vielfalt meiner abwechslungsreichen Blumenwelt, forderten jedoch in immer kürzerer Zeit noch schönere Blumen. Sie bezahlten mir horrende Summen, um diejenigen zu sein, die die schönsten Blumen in der Stadt besaßen. Ich ging auf Reisen, kaufte Blumen jenseits dieser Grenzen. Bald hatte ich mehrere Läden und züchtete immer schneller, kreuzte das Erschaffene immer wieder mit anderen Gattungen, ständig und ohne Rast, immer auf der Suche nach der perfekten Blume.“

„Es gibt keine perfekte Blume. Es ist wie mit allen Lebewesen. Jedes einzelne strahlt für sich mit seiner eigenen Schönheit und Anmut.“

„Ja … das begriff ich aber leider viel zu spät.“ Charlottes Stimme wurde sehr leise und Serenity erkannte Tränen in ihren Augen. „Eines Tages starben all meine Blumen. Sie welkten und zerfielen wie Staub in meinen Händen. Ich hatte sie verraten. Auf meiner steten Suche nach noch mehr Reichtum und dem Streben nach Gold vergaß ich das Wichtigste: Respekt. Genau jenen Respekt, den man jedem lebenden Geschöpf entgegenbringen sollte. Dann fingen die Menschen an, Oger, egal, welcher Herkunft, grausam zu verfolgen, zu töten oder zu versklaven.“

Herman schwieg inzwischen wohlweislich, denn er kannte Charlottes Vergangenheit allzu gut.

„So entschloss ich mich, der Stadt Lebewohl zu sagen und mir ein kleines Stück Land zu suchen, um dort Blumen und Pflanzen aufrichtige Liebe schenken zu können.“ Charlotte wischte sich verstohlen eine Träne von der Wange und deutete mit ausgestreckten Armen über ihren bunten Garten. „Sieh Dir das an. Betrachte die Vielfalt, die uns die Natur schenkt. Dies wiegt mehr als jede Goldmünze, das ist pures Leben in seiner schönsten Form. Nie mehr werde ich dieses Glück gegen dumme Gier oder tote Besitztümer tauschen, die ohnehin nicht uns gehören und uns somit fesseln.“

Die Prinzessin seufzte kurz. „Wie lange lebst Du hier schon mit Deinen Blumen?“

„Keine Ahnung, wen interessiert das schon. Ich kann Dir sagen, wann Gevatter Frost mit eisiger Faust an die Türe klopft oder der Frühling junge Blüten sprießen lässt. Ich benötige keine Uhr oder einen Kalender, der mich treibt.“

Charlotte reichte Herman ein weiteres Stück Brot mit frischer Butter. „Jedenfalls hatte ich das große Glück in diesem Wald Herman kennenlernen zu dürfen. Unsere Freundschaft besteht seit vielen Jahren und ich bin froh, dass er wieder hier ist, wenn auch ein klein wenig lädierter als früher.“

Serenity zeigte dem erstaunten Waldoger den Kompass und verwies auf die Tatsache, dass dieser Charlotte ebenfalls ausgesucht hatte. „Wirst Du uns begleiten? Dein Wissen und Deine Lebenserfahrung können uns sicherlich sehr hilfreich sein. Außerdem kann ich dabei noch viel von Dir über die Natur und Blumen erfahren. Die einzige Frage bleibt jedoch offen: kannst Du uns sagen, wie wir den Kompass retten können?“

„Hmmmm … ich weiß nicht … die einzigen, die uns helfen können, sind die Erbauer des Kompasses oder diejenigen, die den Kompass gesegnet haben; sie wissen sicherlich Rat. Ich bin hingegen schon ein wenig betagt und nicht mehr ganz so gut zu Fuß. Das Rheuma plagt meine alten Knochen. Wer soll sich um meine Blumen kümmern, wenn ich nicht hier bin?“

„Wie hast Du mir gerade eben erzählt: betrachte die Vielfalt der Natur. Fauna und Flora kümmern sich eigentlich immer am besten um sich selbst. Bis zum Anbruch des Herbstes bist Du sicherlich wieder hier und solange werden Deine Blumen wachsen und gedeihen; ganz so wie es Mutter Natur beliebt.“

„Ach nein … gerne würde ich euch folgen, nur möchte ich die Frösche nicht unbeaufsichtigt zurücklassen.“

„Dann nehmen wir sie eben mit!“

„Genau! Endlich mal raus aus dem trüben Brunnenleben!“ Freddy hatte erneut auf der Schulter des grünen Riesen Platz genommen. „Das wird ein feines Abenteuer.“

Charlotte winkte ab. „Ich würde Euch sicherlich nur aufhalten, versteht das doch. Meine liebsten Wünsche werden Euch begleiten. Es wäre schön, wenn ihr auf Eurem Rückweg kurz bei mir Einkehr findet. Ihr seid jeder Zeit herzlich willkommen.“

„Menno, das ist doch doof.“, maulte Teddy, der gerade mit Liegestützen beschäftigt war. „Ich hätte gerne mal den Hammer geschwungen. Wofür trainiere ich eigentlich tagein, tagaus?“

Charly hantierte währenddessen ausgiebig mit dem Buttermesser, um anschließend Brot und Marmelade in großen Massen zu vertilgen. „Hauptsache wir kriegen auf der Reise etwas zu essen.“ brabbelte er mit vollem Mund.

Herman fiel es sichtlich schwer, sich von Charlotte nach dieser kurzen Zeit des Wiedersehens zu verabschieden. Er umarmte sie. „Danke, liebe Charlotte. Wir kehren sicher schon bald zurück, diesmal jedoch für längere Zeit. Ich werde es dem Engelskrieger und dem Freibeuter nebst Katze jedenfalls ausrichten, wobei ich mir noch nicht sicher bin, ob dieser bunte Paradiesvogel nicht schon längst über alle Berge entfleucht ist.“

Die Gesichtsfarbe der alten Dame erblasste. „Moment … warte! Hattest Du gerade einen bunten Paradiesvogel in Begleitung einer Katze erwähnt?! Welche Namen tragen die beiden?“ Charlottes Stimme bebte vor Aufregung.

Herman stutzte. „Dougan und seine Katze heißt Ascardia. Sie sind ständig damit beschäftigt Birnen zu verzehren.“

„Die mag ich auch sehr gerne.“, rief Charly, während er gemütlich die letzten Reste an Marmelade aus dem Glas löffelte. „Davon haben wir zum Glück jede Menge.“ Er deutete dabei auf die Rückseite des Hauses. „Dort steht ein Birnenbaum, wie die Welt ihn noch nicht gesehen hat.“

Charlotte überlegte kurz und verschwand im Haus. Kurze Zeit später kehrte sie mit einem geblümten Mantel, einem bunt-gemusterten Schal und einer großen Reisetasche zurück. Sie schwang bedeutsam mit einem knorrigen Wanderstock vor den staunenden Gefährten herum. „Manchmal führt uns das Schicksal zusammen, ob wir es wollen oder nicht. Es schenkt uns neue Aufgaben. Oder noch viel besser: wir lernen neue Freunde kennen! So wie ich Dich heute kennen lernen durfte, liebe Serenity.“

„Worauf wartet ihr, hüpft in meine Reisetasche und dann geht es auf in ein spannendes Abenteuer.“, herrschte sie die drei grünen Begleiter an, die gar nicht wussten, wie ihnen geschah.

Charlotte wandte sich nochmals kurz im Garten den unzähligen Blumen zu. Sanft strich sie über die Blüten. „Meine Lieben. Ich verlasse Euch nur kurz. Das Abenteuer wartet und ich möchte meinen Freunden gerne behilflich sein, ihre Aufgabe gebührend zu vollenden.“

Niemand ahnte, welch bedeutungsvolles Geheimnis tief im Herzen der alten Dame schlummerte.