„Drei Dinge braucht es, um aus einem echten Kerl einen Mann des Feuers und des Eisens zu formen.“ Bedeutungsvoll erhob Arnie, der Schmied des malerischen Dorfes Llanwe, seinen linken Zeigefinger, während er spielerisch leicht mit dem Schmiedehammer in der rechten Hand jonglierte.

Die Kinder, die sich an diesem Morgen in seiner Schmiede im Halbkreis um ihn versammelten, flüsterten und raunten voller Ehrfurcht vor so viel geballter Muskelkraft. „Drei Dinge, meine lieben Kinder, die aus geschmolzenem Metall stahlharte Elemente schaffen.“ Arnie zwinkerte bei seinen Ausführungen vergnügt mit seinen buschigen Augenbrauen. Ein kleines Lächeln im sorgsam geflochtenen Bart verriet den Spaß, den er bei der Erklärung seines Berufsstandes hatte.

Einer der Kinder winkte Arnie aufgeregt zu. „Bitte, Arnie, was sind das für drei Dinge!“ Arnie holte kurz Luft, um dem Ganzen noch mehr Spannung zu verleihen und beugte sich langsam zur vor ihm sitzenden Kinderschar herunter. „Zum einen sehr viel Kraft, um den Hammer zu halten und damit den Amboss und das glühende Metall bearbeiten zu können.“ Der groß gewachsene Schmied spannte dabei kurz seinen rechten Oberarm und ließ den Bizeps, der ein wenig an die bevorstehende Kürbisernte erinnerte, verspielt hoch und hinunter hüpfen. Die Kinder lachten und taten es ihm gleich, auch wenn es bei den Kleinen noch keine echten Muskelberge zu beobachten gab. „Der zweite Punkt ist der nötige Respekt vor dem Feuer! Nichts ist schöner, nichts gewaltiger, aber auch gefährlicher, als die lodernde Glut des Schmiedemeisters.“

Arnie schwenkte den Hammer in Richtung Glut seiner Feuerstelle. „Die Hitze hat schon so manchen Dummkopf verzehrt, wenn dieser den Umgang mit Feuer und Glut nicht richtig beherrschte, weil ihm der Respekt fehlte. Respekt, liebe Kinder, schenkt man nicht nur den eigenen Eltern. Respekt schenkt man auch Dingen, die man liebt und die einem selbst große Freude bereiten. Dinge wie z. B. Feuer, Wasser oder Luft, denn all diese Dinge benötigen wir zum Leben und ohne Respekt vernichten wir diese und so unsere eigene Existenz. Respekt bedeutet also auch Weisheit.“

„Wie kann uns das Feuer Respekt schenken? Es ist doch kein lebendiges, denkendes Wesen wie wir Menschen!“, meldete sich eine blonde Zottelmähne.

Arnie lächelte, nahm das Mädchen auf den Arm und stupste ihr väterlich auf die Nase. „Feuer ist Leben, Feuer ist Tanz. Denke daran, wenn Du um das Dorffeuer tanzt und Dich der Wärme erfreust, die Dir das Feuer schenkt. Zeige aber auch den Respekt, den das Feuer verdient, sonst verbrennst Du Dir Deine wunderschönen zarten Hände. Ohne Luft und Deine Liebe zur Wärme – und zum Tanz – würde die Glut erlöschen und somit das Feuer und die Liebe in unseren Herzen sterben.“ Arnie wurde etwas nachdenklicher und blickte ernster drein. „Nur wer das Feuer im Herzen trägt, kann die Flamme der Leidenschaft entzünden.“

Das kleine Mädchen zeigte sich beeindruckt und die Augen strahlten mit den roten Wangen um die Wette. Sie drückte Arnie einen dicken Knutscher auf die Backe. „Arnie, ich hab Dich ganz doll lieb!“ Verlegen setzte der kräftige Schmied die hübsche Zottelmähne in die Reihen der klatschenden Kinder zurück.

Ein kleiner Junge zupfte ihn am Bart. „Und was war die dritte Sache, die wir beachten müssen, um Schwerter zu basteln?“

„Tja … eigentlich die wichtigste Sache, die kein Kind jemals vergessen sollte.“, brummte Arnie nun mit tiefem Bass seiner Stimme. Er schritt zu einem dunklen Vorhang, der die Werkstatt von seiner Wohnkammer trennte und lüftete das dahinter liegende Geheimnis. „Jeden Tag ein großes Glas Milch und ein noch größeres Stück Schokoladenkuchen!“ Die Kinder jubelten und stürmten jauchzend den mächtigen Frühstückstisch, um die Milch und den Kuchen in Windeseile zu verspeisen. Wieder zupfte etwas an Arnies Bart. „Du hast etwas ganz wichtiges vergessen!“, erinnerte ihn schmatzend der kleine Bursche, der bereits vorher mit Arnies Bart gespielt hatte.

„Und das wäre?“, fragte Arnie, während er den Kleinen am Bart in Augenhöhe empor hob. „Shoo-Shoo!!!“, antwortete der Junge und deutete in Richtung Feuerstelle, die scheinbar auch als Schlafplatz diente. Sofort hörten alle Kinder mit dem Verzehr auf und richteten ihre volle Aufmerksamkeit auf Arnie. „Da hast Du recht. Wie konnte ich nur meinen besten Freund und Kumpel vergessen, der dafür sorgt, dass mein Feuer immer auf Temperatur gehalten wird. Dann wollen wir mal sehen, ob Shoo-Shoo schon ausgeschlafen hat.“

Die Kinder versammelten sich in Windeseile um die Feuerstelle und warteten auf ein geringfügiges Zeichen oder einen Laut des Wesens, dass leise schnarchend auf der Feuerstelle schlummerte.

Shoo-Shoo war ein Glücksdrache. So nannte ihn Arnie jedenfalls, seitdem er ihn vor vielen Jahren einem Kaufmann in Llanfoneath, der himmlischen Hafenstadt im Nordosten, abkaufte. Der reisende Händler erzählte ihm, dass er den Drachen verletzt und ohne Bewusstsein an einer Flussmündung nahe der Festung Llaniogar gefunden hatte.

Arnie und Shoo-Shoo verband seitdem eine tiefe, innige Freundschaft. Dies lag wohl auch an dem gemeinsamen Interesse an Hitze und Glut. Was wäre ein echter Schmied ohne einen Freund, der Feuer und Flamme für dessen Beruf war – sozusagen eine Art Berufung im Sinne der schmiedeeisernen Handwerkskammer.

Shoo-Shoo war nicht nur ein frohgemuter Drache, der ähnlich wie ein Hund mit dem riesigen Schweif wedelte, er konnte neben unzähligen Feuerbällen auch sehr viel Qualm und Rauch verursachen. Meistens qualmte Shoo-Shoo, wenn ihm irgendetwas nicht in den Kram passte. Shoo-Shoo war auch sehr stolz auf die unterschiedlichen Farbnuancen seiner zart-weichen Haut, die er je nach Stimmung und Atmosphäre anpassen konnte. Die Struktur der Haut selbst war jedoch zäh wie härtestes Leder, sodass Shoo-Shoo selbst bei verschiedenen Abstürzen, die mit missglückten Flugversuchen einher gingen, keine großen Blessuren davon trug.

Die Menschen in Llanwe liebten den Drachen, der zwar schon häufiger aufgrund einer ungewollten Niesattacke einige Dächer in Brand gesetzt hatte, aber trotz alledem ein liebenswerter Geselle war, der keine Bitte auszuschlagen vermochte.

„Shoo-Shoo!“, flüsterte eines der Kinder und tippte mit dem kleinen Zeigefinger auf einen der breiten Flügel des Drachens. „Shoo-Shoo! Magst Du ein wenig Milch?“

Nichts rührte sich, man konnte nur aufgrund des leisen Schnarchens erahnen, dass der Drache bis dato nichts vom Besuch der Dorfschule mitbekommen hatte. „Hhmmm …“, murmelte Arnie in den Bart. „Mit Milch könnt Ihr einen Glücksdrachen nicht von der heimeligen Schlafstätte locken.“

Eines der Kinder schob einen Holzhocker vor den molligen Schlafplatz, kletterte hinauf und schob einen Teller mit einem kleinen Stück Schokoladenkuchen direkt unter die Nase des Drachens. Schlagartig verstummte das Schnarchen und eine leichte Bewegung des Schweifs signalisierte, dass Shoo-Shoo leichte Freude am Wittern der leckeren Schokoladenversuchung verspürte. Das Schnuppern wurde immer lauter, bis Shoo-Shoo schließlich die Augen öffnete, langsam den Kopf hob und zunächst mit lautem Gähnen den Kindern einen Einblick in den Schlund eines Drachens gewährte. Dabei streckte und reckte sich Shoo-Shoo, das die Knochen laut knarzten und knackten. Mit leicht schmatzender Abwärtsbewegung seines Kopfes schnappte er beherzt nach dem süßen Gebäck, um dieses umgehend im tiefen Schlund seines Magens verschwinden zu lassen. Danach guckte er kurz in die Runde verblüffter Kindermienen, denn obwohl sie Shoo-Shoo alle kannten und liebten, staunten sie jedes Mal aufs Neue über diesen wundersamen Drachen. Shoo-Shoo kratzte sich mit der Hinterpfote am Ohr und begab sich schmatzend in die zuletzt bekannte Ruhestellung zurück. Einem kurzen Grummeln, welches irgendwie nach „Danke schön…“ klang, folgte erneutes friedfertiges Schnarchen.

„Shoo-Shoo!“ Arnie flüsterte Shoo-Shoo behutsam ins leicht zuckende Ohr. „Wir haben Besuch von vielen, bezaubernden Kindern. Sei doch so nett, bewege Dein fliederfarbenes Popöchen aus der Glut und begrüße die junge Meute für mich.“

Shoo-Shoo grummelte mehrmals, hob den Kopf und blickte kurzerhand Arnie tief in die Augen. Dabei blinzelte er ganz leicht mit den Augenlidern, um seinen Worten etwas mehr tiefgründigen Ausdruck zu verleihen. „Weißt Du eigentlich, wie spät es ist?!“, säuselte er kratzend. „Ich habe die ganze Nacht Feuerkäfer und Smaragdlurche gejagt. Da wird doch der aufrechte Jungdrache mal etwas länger auf dem Grillrost liegen bleiben dürfen!?“

Arnie hob die rechte Augenbraue und schob sich ganz nah an Shoo-Shoo heran. „Warum treibst Du Dich auch die ganze Nacht am See herum? Außerdem: wenn es um unsere Jüngsten geht, kenne ich keine Gnade und schon gar keine Uhrzeit!“

Shoo-Shoo drückte seine Nase nun direkt auf Arnies Nase, ohne ihn dabei aus den Augen zu verlieren. „Paaaaah! Ich bin 129 Jahre alt, da wird man ja wohl noch ein bisschen Spaß und Jagdinstinkt ausleben dürfen! Außerdem hatte ich Appetit und unsere Vorräte sind derzeit aufs Minimum beschränkt.“ Minimum bedeutet für einen Drachen übrigens, wenn zehn halbe Schweine oder ein halbes Dutzend Rinder im Küchenschrank fehlen.

„Du weißt, dass Barnie für seine Reisen immer etwas mehr einpackt. Die Menschen am anderen Ufer freuen sich über die Geschenke und er hat gute Laune.“ Shoo-Shoo setzte sich auf, verschränkte die Arme über dem Bauch und blickte schmollend in die Luft. „Na denn … wenn es nicht außerdem am übermäßigen Appetit seines Freundes Mr. Bones liegt. Der frisst doch alles und jeden, der ihm über den Weg läuft.“

Arnie lächelte, denn er wusste, dass Shoo-Shoo den raubeinigen Mr. Bones tief im Herzen verehrte.

„Egal, nun bist Du ja wach und kannst uns Deine Aufmerksamkeit schenken.“

Die Kinder hatten das kleine Geplänkel der beiden ruhig verfolgt. Sie wussten, dass zwischen diese Freundschaft nicht einmal die Feder eines Turmfalken aus dem südlich entfernten Ardighawk passte, so sehr und so eng waren sie einmütig miteinander verbunden.

Shoo-Shoo wollte gerade eine ausgeklügelte Antwort in Richtung Arnie schleudern, da krachte die Tür der Schmiedewerkstatt mit lautem Getöse auf.

„Zyrias schwarze Garde! Sie sind hier … bei uns!“ taumelte der Dorfälteste direkt in Arnies breiten Arme, um dort laut schnaufend nach Luft zu ringen. „Es ist eine ganze Horde und sie sind schwer bewaffnet!“

Shoo-Shoo warf einen skeptischen Blick über die Schulter Arnies zum Dorfältesten. „Erstens sind finstere Typen immer bewaffnet und zweitens, was bitte sind ‚viele‘? Anzahl, Menge, Art der Bewaffnung?“

Arnie platzierte den ängstlichen Greis auf einer Sitzgelegenheit. „Wo ist das Lumpenpack und wieso sind sie hier? Sie haben noch nie den Weg hierher gewagt, da wir unter dem Schutz von Angelwood stehen!“

Der alte Mann zitterte am ganzen Körper. Er hob langsam den Arm und deutete mit ausgestrecktem Finger in Richtung Feuerstelle, auf der Shoo-Shoo nachdenklich über die Anzahl der feindlichen Streitkräfte philosophierte. „Sie sind in der Dorfschänke und sammeln sich dort. Die Männer sind auf der Suche nach einem Drachen und haben anscheinend erfahren, dass hier in unserem Dorf einer leben soll.“

Arnies Blick wirkte versteinert. „Warum sucht die schwarze Königin einen Drachen?“ Er drehte sich zu Shoo-Shoo, der gerade mit der Maniküre seiner Klauen beschäftigt war und aufgrund des ernsten Blicks seines Freundes rasch inne hielt.

„Was guckst Du mich so an? Woher soll ich das denn wissen? Gehen wir einfach zu den bösen Buben und fragen höflich nach ihrem Interesse an meiner werten Flamme? Vielleicht benötigen Sie einfach nur Feuer?“ Der Glücksdrache verstand die ganze Aufregung nicht.

Arnie warf seine zerfurchte Stirn in Falten, dabei wirkte er sehr nachdenklich und wütend. „Kinder, ihr bleibt hier in der Schmiede, Shoo-Shoo behütet euch.“ Dabei drehte sich der groß gewachsene Schmied erneut zu Shoo-Shoo. „Und wenn ich behüten sage, meine ich damit ernsthaft aufpassen und keinen Blödsinn mit den Kindern anstellen. Ich sage nur: Flugunterricht.“

Der Drache zog schmollend seine Unterlippe nach unten. „Pfffff … das war doch gar nicht so schlimm … ist auch nichts passiert.“

Arnie meinte mit seiner Anspielung auf den besagten Flugunterricht die Neigung des Drachens hoch hinaus zu wollen. Sein feuriger Freund wollte seit jeher weit über die Wolken hinaus steigen und gemeinsam mit den fluffigen Wattebäuschchen des Himmels dahin gleiten. Bisher war es ihm nur gelungen bis kurz unter die Wolkendecke zu steigen, dort verließen den jungen Drachen leider die Kräfte und er musste im mehr oder weniger eleganten Sturzflug die Rückkehr zur Erde antreten. Dabei konnte es schon einmal passieren, dass die eine oder andere Dorfhütte in Mitleidenschaft gezogen wurde, da der Drache ein weiches Plätzchen zur Landung bevorzugte.

Bei manchen seiner himmelhochjauchzenden Ausflüge nahm er gerne auch ein paar Kinder mit, natürlich nie in die Höhe, die er zu erreichen wünschte. Er vergötterte Kinder über alles und nichts und niemand sollte den Kindern Leid zufügen, schon gar nicht sein Ritt zu den Wolken. Die Kinder liebten es auf seinem Rücken den Wind in den Haaren zu spüren, die kribbelnde Geschwindigkeit, die der Drache beim Flug über die Baumwipfel erreichte und die frechen Streiche, die sie den Erwachsenen gemeinsam mit Shoo-Shoo spielen konnten. Da wurde im rasanten Flug schon mal die eine oder andere Kopfbedeckung fortgetragen, um dann auf der Turmspitze eines Hauses wieder entdeckt zu werden. Seitdem wusste auch jeder, dass der Bürgermeister ein Toupet zur Ergänzung seiner ansonsten spärlichen Haarpracht nutzte.

Shoo-Shoo selbst nannte dies Flugunterricht, um dem Ganzen einen Hauch pädagogischer Weisheit zu verleihen. Als er dann aber die Wäscheleine des Bürgermeisters mit der ganzen Pracht und Fülle seiner frottierten Unterhosen am Segelmast eines Handelsschiffes platzierte, war der Bürgermeister dermaßen entrüstet, dass er umgehend ein Flugverbot für Drachen und ähnliches Getier über das Dorf verhängte.

„Kein Flugunterricht! Bitte!“ Der Schmied hob mahnend seinen rechten Zeigefinger. Das machte er nicht allzu oft. Nur dann, wenn es wirklich nötig war, dem Drachen aufzuzeigen, dass es sich diesmal um eine ernste Situation handelte, in der sich alle befanden. Arnie packte mit festem Griff zwei seiner kolossalsten Schmiedehämmer, verzurrte einen dritten auf seinem gestählten Rücken und blickte gen Dorfschänke. „Ich sehe mir das mal genauer an.“