Das kleine Segelboot schoss wie ein Pfeil über vereinzelte Wellenkämme und durchpflügte die grobe See in Windeseile. Dabei hüpfte es von Tal zu Tal, um immer wieder den Wind in den Segeln zu fangen, um noch mehr Fahrt aufzunehmen.

„Mir ist übel … so richtig kotzübel! Kein Mensch jagt einen Hund bei diesem windigen Wetter vor die Tür, geschweige denn aufs Wasser.“ Mr. Bones schaukelte im Takt der Wellen, um die Übelkeit, die in ihm aufstieg, zu mindern. „Warum können wir nicht wie alle normalen Lebewesen, deren Bewegungsapparat nicht aus Flossen besteht, um den Fluss herum spazieren? Warum müssen wir jedes Mal in diese Nussschale klettern, um dieses riesige Monstergewässer zu überqueren?!“

Dabei ahmte er mit seinen Vorderpfoten die Schwimmbewegungen von Fischen nach. Barnie, der zeitgleich mit dem Segel und dem Steuer beschäftigt war, warf einen spöttischen Blick nach vorne. „Du weißt selbst, dass wir nur mit Hilfe eines Bootes das Gewässer überqueren können. Die Menschen in Moonshine haben bereits sehnsüchtig auf frische Hufeisen, geschliffene Messer und funkelnagelneues Spielzeug für die Kinder gewartet. Das nächste Mal bleibst Du einfach zu Hause im Trocknen.“

Der Seegang hatte einen Hauch an Windstärke zugelegt, sodass Barnie bemüht war, das Schiff auf dem richtigen Kurs zu halten. Vorbei an der Inselkette von Holy Ashes, die inmitten des großen Flusses majestätisch aus dem Wasser ragte. Der muskulöse Schmied steuerte auf direktem Kurs zur heimatlichen Bucht, die vor ihnen lag. Dort würde es ruhiger werden und Barnie freute sich bereits auf einen gigantischen Krug Gerstensaft gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Arnie in der vertrauten Taverne. „Ich kann Dich aber auch gerne auf den Inseln der Mönche absetzen und später wieder abholen.“, grinste Barnie, als er wieder ein Wellental durchpflügte.

„Auf diese Inseln bringt mich nicht einmal ein Piratenschiff.“, schüttelte sich Mr. Bones. „Dort liegt das alte Mönchskloster und es gibt nichts Vernünftiges zu beißen.“ Die Gischt prasselte mit einzelnen Fontänen über Mr. Bones, sodass er sich im Minutentakt schüttelte, um sein Fell einigermaßen trocken zu halten.

Mr. Bones war eine höchst sensible Bulldogge mit einer Vorliebe für ausgezeichnetes Essen, Sinn für Ästhetik und dem vortrefflichen Geschmack einer naturbelassenen Zigarre. „Mir ist ja soooooo schlecht …“, rümpfte er seine Nase gen Wind. „Wann sind wir denn endlich da?“ Barnie warf einen Blick hinter die Schulter, denn die Inseln des geheimnisvollen Klosters lagen bereits hinter ihnen.

„Wir sind fast zu Hause, nun stell Dich nicht so an.“ Prinzipiell hatte der Wind ohnehin an Kraft verloren und die Fahrt über das prachtvoll, glitzernde Gewässer, welches Nord und Süd wie ein magisches blaues Band durchzog ging in eine harmonischere Phase über. Barnie strich sich durch den geflochtenen Bart. „Das bisschen Wasser wird Dir sicherlich nicht schaden. Es roch die letzten Tage ohnehin schon etwas streng in der Schmiede.“

Mr. Bones drehte sich empört zu Barnie. „Moment. Das einzige, was hier scharf riecht, ist dieser aufgeplusterte Drache. Den rieche ich doch schon 100 Meter gegen den Wind. Der verträgt doch nicht einmal Wasser geschweige denn Seife. Meine empfindsamen Körperteile hingegen verströmen den Geruch von Flieder und Lavendel. Dies liegt am lila-blauen Blut, welches meine adeligen Körperteile durchflutet.“

Die Bulldogge wies damit auf ihren umfassenden Stammbaum hin, der bereits seit Jahrhunderten gepflegt wurde. Seine Besitzer stammten aus verschiedenen Königshäusern und Adelsfamilien. Nur die letzte Familie war mit den Kosten und der Pflege eines Hundes überfordert, sodass er schließlich ausgesetzt, aber von Barnie gefunden wurde. „Mein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater mütterlicherseits kämpfte Seite an Seite mit dem König der Thunder Hawks. Sie schlugen ehrenhaft und voller Mut die Bergoger aus den Bergen zurück. Seit jeher schmückt ein Portrait meines Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvaters mütterlicherseits den Königssaal der Thunder Hawks.“

Barnie zeigte sich beeindruckt. „Wow! Wahrscheinlich hat Dein Ur-Opa sogar eine eigene Hundehütte mit Zugbrücke und Hundeknochen auf Lebenszeit vom König der Berge erhalten?“

„Dass mit der Zugbrücke ist dann doch ein klein wenig zu melodramatisch. Nein, der König hat sich für zwei mächtig große Türen aus Ahornholz entschieden.“

Der Schmied schüttelte lachend den Kopf. „Falls ich irgendwann einmal in die Nähe des Schlosses der Thunder Hawks kommen sollte, klopfe ich kurz an und schau mal rein, was das Portrait Deines Ur-Opas so macht.“

Bevor Mr. Bones den Schlagabtausch fortsetzen konnte, erspähten seine scharfen Augen einen Gegenstand im inzwischen ruhig gewordenen Wasser. „Mann über Bord!“, rief er, während dieser schon mit dem Abbremsen des Segelbootes beschäftigt war. Auch er hatte das dunkle teppichähnliche Gebilde im Wasser entdeckt. „Es sieht aus wie eine Fahne oder ein großes Tuch. Irgendetwas ist darin eingewickelt.“ Als das Boot gleichauf war, zog Barnie mit kräftigem Schwung die ca. 2 Meter große völlig durchnässte „Rolle“ aus dem See.

„Dann wollen wir doch mal sehen, was wir hier haben.“ Es handelte sich um eine Fahne, das Wappen konnte man nicht genau erkennen. Das Ehrenbanner, das scheinbar um einen Körper gewickelt war, wurde durch mehrere Seile zusammengehalten. Barnie durchschnitt mit seiner messerscharfen Axt die einzelnen Verbindungsstücke, um das eingewickelte Opfer zu befreien.

„Sollten wir das nicht lieber an Land machen? Wer weiß, was uns hier gleich entgegen hüpft! Vielleicht erlaubt sich Shoo-Shoo mal wieder einen Scherz.“ Mr. Bones war etwas misstrauisch, wenn es um Verpackungen jeglicher Art ging. Dies war darauf zurück zu führen, dass Shoo-Shoo ihn das eine oder andere Mal mit feurigen Streichen foppte, da die Bulldogge immer wieder den Fehler beging, den Drachen nach Feuer für seine Zigarre zu fragen. „Irgendwann zahle ich ihm seine dämlichen Albernheiten heim – ohne rußgeschwärztes Gesicht meinerseits.“

Die letzte Schnur war gekappt, nun konnte Barnie das durchnässte Tuch langsam entrollen. Sie staunten nicht schlecht, über das, was sie dem See entrissen hatten und sich ihnen dann im hellen Licht der Sonne offenbarte.