„Wie konnte das geschehen?!“, fassungslos und wütend herrschte Vyncent den Anführer der Engelsgarde an.  Noch vor einigen Stunden hatten die Könige ausgelassen ein prächtiges Fest gefeiert und nun diese blinde Zerstörungswut im heiligen Saal des Kompasses.

„Ich war mit meinen Männern wie jeden Abend auf Patrouille. Ihr wisst selbst, dass ich mich zusätzlich um das Wohlergehen unserer Gäste kümmern muss.“

Vyncent konnte es kaum glauben. Die Tür zum Kompasssaal hing halb zerstört in den Angeln. Er schritt die Stufen hinab zum Sockel auf dem der Kompass ruhte. Das blaue Licht, welches von der Kompassrose gespeist wurde, war nur noch schwach zu erkennen. Es flackerte nervös und bemühte sich redlich weiterhin zu leuchten. Ein riesiger Riss spannte sich vom Rand des Kompasses bis hin zur Mitte der metallenen Rose. Der Spalt klaffte so tief, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Granitsockel in zwei Hälften auseinander zu fallen drohte.

Tränen füllten die Augen des Königs. „Ihr ehrenwerten Götter … wer hat das getan? Welche Waffe war vonnöten, um den Kompass so zu zerstören?“

Raphael umkreiste langsam den fast zerstörten Kompass. „Es gibt nur wenige Waffen, die dazu imstande sind. Seht selbst, mein König.“ Er deutete auf die verschiedenen Risse des Sockels, die sich wie offene Wunden den beiden grimmig dreinblickenden Männern offenbarten. „Hierfür kommt nur ein Mann mit böser Absicht in Frage: Monderyan, der schwarze Prinz.“

„Monderyan?!“ Vyncent drehte sich mit überraschtem Blick zu seinem engsten Vertrauten. „Monderyan stehen keine derartigen Waffen zur Verfügung!“ Dann senkte er nachdenklich den Kopf. „Selbst, wenn er eine solch mächtige Waffe sein eigen nennt, wie ist er überhaupt hier in das Innere des Königshauses gelangt?“

„Es muss ihm jemand geholfen haben.“

„Eine Verschwörung? Du glaubst, einer der Könige erhebt sich gegen die Wahl des Kompasses und damit gegen eine göttliche Fügung?“

„Nicht alle Monarchen stehen wohlwollend dieser Wahl gegenüber. Sie fühlen sich gemaßregelt. Es gibt einige unter ihnen, die würden lieber aufgrund der Stärke ihrer Armee herrschen.“

„Das weiß ich … stirbt jedoch der Kompass, stirbt jegliche Gerechtigkeit im Lande. Das Volk würde erneut in Dunkelheit und Krieg stürzen. Der Ausgleich zwischen Gut und Böse wäre nicht mehr gegeben.“

„Mein König, all das gilt es zu verhindern. Wir müssen den Kompass und die Wahl retten. Sollten die anderen Könige erfahren, dass der Kompass fast zerstört ist, wird es zu einem fatalen Krieg kommen!“

Die Mimik des Königs verdüsterte sich. „Es kann sein, dass die Welt, wie wir sie kennen, tatsächlich schon bald untergeht und die blaue Flamme des Kompasses auf ewig erlischt.“

„Ach ihr Menschen … da schwingt immer so viel Dramatik in euren Worten, da kommen einem ja fast die Tränen.“ Eine sonore Stimme, wie sie der König und Raphael noch nie vernommen hatten, sprach leise zu ihnen. „Außerdem redet ihr viel, nur Denken ist nicht jedermanns Sache.“

„Wer spricht da?!“ Vyncent’s stechende Blicke durchbohrten förmlich jeden Winkel des heiligen Saales. Doch er konnte nichts erkennen. Raphael zog sein riesiges Schwert und duckte sich leicht, während er sich schützend vor den König stellte. „Gib Dich zu erkennen! Wir mögen keine Spielchen!“

„Also gegen ein gutes Kartenspiel hätte ich nichts einzuwenden. Oder was haltet Ihr von Würfeln? Den Einsatz dürft Ihr sogar selbst bestimmen.“ Ein leises Kichern war zu vernehmen.

„Ich warne Euch! Wo und wer seid Ihr?!“ Raphael’s Miene verfinsterte sich zunehmend. Das sollte schon etwas heißen, denn der Befehlshaber der Engelskrieger blickte ohnehin ständig finster drein. Niemand wusste genau, in welcher Stimmung Raphael gerade war. Diesen Mann zu erzürnen war sicherlich keine gute Idee.

„Lass bitte Deine Narretei mit den Menschen. Du siehst doch, dass sie darauf sehr böse reagieren.“ Eine zweite Stimme erklang aus dem Nichts. „Menschen sind tief in ihren Herzen ängstlich. Da sind Deine Possen nicht sehr hilfreich, mein betagter Freund.“

„Wen nennst Du hier betagt? Mich? Ich bin definitiv jünger als Du!“

„Ihr beide seid zwei alte Gauner, die froh sein können, dass sie überhaupt noch irgendwo herumgeistern dürfen.“

„Erklärt uns der älteste Sack, den ich kenne.“

König Vyncent hob leicht seine Krone und kratzte sich am Kopf. Sein Blick wirkte nicht mehr wütend, sondern eher verdutzt. Drei Stimmen, mit bloßem Auge nicht erkennbar, dies konnte nur eines bedeuten. Er schob sich vor Raphael und senkte mit bedächtiger Bewegung das Schwert seines Leibgardisten. „Lass gut sein, Raphael. Beruhige Dich. Dies sind keine Feinde, sonst wären wir längst vom Erdboden vertilgt.“

„Ich habe es Euch doch gesagt. Ein weiser Mann dieser Vyncent.“

„Naja … so weise nun auch wieder nicht, sonst hätte er uns doch längst entdeckt.“

Die Blicke des Königs schweiften langsam nach oben in Richtung Kuppeldach. Und tatsächlich … dort konnte er die Stimmen schließlich erkennen. Im bläulichen Licht der Kuppel schwebten drei seltsam wirkende Gestalten auf kleinen, fluffigen Wolken. Ein sanfter, goldener Schimmer umgab die drei bunten Figuren, die aufgrund der Entdeckung durch den König nun bedachtsam herabschwebten.

„Seid gegrüßt, werter König. Ihr seht mit Verlaub ein klein wenig gestresst aus?“ Ein graumelierter, älterer Herr in goldener Robe mit feinsten Ornamenten schwebte direkt vor Vyncent und wippte dabei gemächlich hin und her. Er besaß einen riesigen ausladenden Kopf in Form einer Wassermelone, auf dem ein winziger roter Hut saß.

„Darf ich mich vorstellen: mein Name ist Shou.“ Er wedelte mit einem hölzernen Stab, an dessen Ende ein Drachenkopf zu erkennen war, vor den Augen des völlig verblüfften Königs hin und her. „Ihr dürft mir aber gerne auch einen anderen Namen geben, falls Euch mein Name nicht genehm ist. Ich überlasse gerne jedem seine eigene Vorstellungskraft, wenn es um Namen, Formen oder Gedanken geht. Andere Länder, andere Gebräuche; schließlich sind wir ja bei Euch zu Gast.“

„Echt jetzt?! Nun dürfen sich Menschen für uns auch noch andere Namen ausdenken? Das passt ja wieder zu Dir und Deinem hochgradig ausgeprägten Altersstarrsinn. Nimm Deine Herzpillen und leg noch eine Dosis für das Hirn oben drauf. Wie kann man trotz eines so großen Schädels so wenig an Intelligenz hinter der Gehirnrinde sein Eigen nennen?“ Die zweite Erscheinung gleitete herab und schüttelte wie eine Spielfigur mit Wackelkopf das runde Gesicht. Ein einsamer Zahn lugte mittig während des zischenden Wortgewitters aus der oberen Mundhälfte heraus. „Paaaaahhhh! Mein Name ist Fu – und das ändert auch niemand!“ Er schob sich ganz nah an Raphael’s Gesicht heran. „Okaaaaaaaayyyyy?! Verstandikuuussss?!“ Zwischen die beiden Gesichter passte höchstens noch ein kleines Stück Papier, so nah war das in einer glänzend-blauen Robe gekleidete Wesen an Raphael heran geschwebt.

„Ich küsse keine hässlichen Zwerge. Meinst Du etwa, Du kannst mir mit Deiner kümmerlichen Wolke Angst einjagen?“ Raphael’s Blick versteinerte sich zusehends. „Ich hüpf Dir gleich auf Deine verkümmerten Schultern und wir drehen eine Runde durch den Wald.“

„Ach ja? Ich hau Dich gleich mit meiner Rolle!“ Dabei fuchtelte die blaue Gestalt wild wedelnd mit einer goldenen Papyrusrolle vor Raphael herum. „Du wirst Dich noch wundern, was meine Schultern alles können!“ Er lupfte eine Augenbraue und grinste plötzlich geheimnisvoll. „Oder möchtest Du Dein Glück lieber bei einem Spiel wagen?“

„Fu! Hör auf damit! Wir sind hier, um zu helfen, nicht um Unruhe zu stiften geschweige denn irgendwelche Spielchen zu riskieren!“ Nun schaltete sich die dritte Gestalt von oben herab in das Geschehen ein. Sachte flog die wohl größte Erscheinung zur Gruppe herab. „Bitte entschuldigt meinen guten alten Freund Fu, er ist ein stürmischer Charakter und weiß manchmal nicht, mit wem er sich anlegt.“

„Raphael, tritt bitte einen Schritt zurück.“ Vyncent legte seine Hand auf Raphael’s Arm und schob ihn behutsam zur Seite.

„Mein Name ist Lu. Wir sind Boten des fernen Reiches FuLuShou und wurden von den himmlischen Göttern entsandt.“ Der bärtige Gesandte hielt ein prunkvolles Zepter in seinen Händen. Die aufwändigen Kleider wurden von erhabenen Verzierungen und brillanten Dekorationen geschmückt und wiesen darauf hin, dass er der Anführer der drei Botschafter des Himmels war.

„Die Situation ist sehr ernst. Ihr, werter König, müsst handeln.“ Lu schwebte inzwischen über dem fast zerstörten Kompass und blickte nachdenklich zu Vyncent. „Es geht um den Erhalt der Menschen und alles, was euch Menschen im guten Sinne ausmacht.“

Vyncent wandte sich an Lu. „Was genau ist passiert? Wurde der Kompass etwa von Euch zerstört?“

„Zunächst sei Euch versichert, der Kompass wurde nicht vom schwarzen Prinzen Monderyan vernichtet. Er mag ein böser Bube sein und wird uns sicherlich noch das eine oder andere Mal in die Algensuppe spucken, aber diese Macht besitzt er nicht.“ Er deutete mit dem Zepter nach oben. „Die Götter selbst waren es, die den Kompass zerschlagen haben. Die Wahl zum König war nur noch eine Farce. Es wurde mehr gefeiert und sich wie Jahrzehnte zuvor an den Ärmeren unter Euch vergangen. Es herrschten unnütze Kriege gegen die Berg- und Waldoger, wobei kein Unterschied zwischen Gut und Böse gemacht wurde.“

Der König fiel in sich zusammen und wankte. Raphael stützte ihn und führte ihn zu einem der aus Stein gemeißelten Thronsessel, die um den Kompass platziert standen.

„Ich habe immer versucht gerecht zu sein. Es hat wohl nicht gereicht.“ Seine Miene war aschfahl. Er betrachtete mit leerem Blick den Boden, während seine Stimme leise bebte. „Es war nicht immer leicht das Gute vom Bösen zu trennen, geschweige denn es rechtzeitig zu erkennen.“

„Noch ist nicht alles verloren.“ Lu schwebte zu Vyncent und lächelte freundlich. „Es gibt noch einen letzten Ausweg, eine letzte Chance für die Menschheit alles ins reine Lot zu bringen.“

„Wer seid Ihr wirklich? Götter?“

„Ist es wirklich von Bedeutung wer wir sind? Für die einen sind wir die Liebe, für andere der Glaube – und für manche Lebewesen einfach nur die Hoffnung. Es zählt nicht, wer wir sind. Es zählt, was Euer Glaube, Eure Seele und Euer Herz daraus machen. Wir sind das Glück, der Reichtum und das Leben.“

Vyncent schloss kurz die Augen, atmete tief ein und erhob sich. „Was kann, was muss ich tun, um das Leben der Menschheit zu retten?“

„Nicht Ihr, lieber Vyncent, seid dazu auserwählt. Es ist Eure Tochter, die diesen Weg beschreiten muss.“ Der Gott des Reichtums sprach mit starker Stimme, wobei er dem König tief in die Augen, fast schon ins Herz blickte. „Eine Seele, unverdorben, liebevoll und mutig, wie die Eurer Tochter, nur diese eine Seele kann diejenigen bestimmen, die gemeinsam den neuen König von Angelwood krönen werden. Kein in Granit gemeißelter Kompass wird jemals wieder über eine Wahl verfügen. Nur die einzig richtige Wahl des Herzens, des Glaubens und der Liebe wird den wahren König küren.“

Shou, der Gott des Lebens schwebte heran und übergab dem König eine kleine hölzerne Truhe. Vyncent öffnete bedachtsam die Schatulle. Dort leuchtete ein dunkelblauer Kompass auf weißem, edel schimmernden Porzellan. Kein Gold, keine Juwelen schmückten das Kleinod. In der Mitte konnte man einen wunderschönen Schmetterling umrahmt von einer Hummel, einer Libelle und weiteren Schmetterlingen erkennen. An den Rändern schimmerten in verschnörkelter Schrift jene Werte, die Angelwood zu einem Schutzwall aller Lebewesen machte.

„Mit diesem Kompass, dem Kompass aller Geschöpfe, muss Deine Tochter zu jedem Wert, der für Angelwood steht, einen Freund und dessen Seelenverwandtschaft finden.“ Shou hob dabei einen Zeigefinger. „Dies wird kein leichtes Unterfangen. Jedoch wird der Kompass Deiner Tochter immer zur Seite stehen und ihr den richtigen Weg weisen.“

„Wir selbst werden über die Reise Deiner Tochter wachen. Doch Einzugreifen ist uns nicht gestattet.“ Lu sprach mit weiser Geste, dabei blitzten seine Augen schelmisch. „Serenity muss diesen Weg zwar allein beschreiten, doch darf sie jederzeit und an jedem Ort um Hilfe in ihrem Umfeld bitten. Sie ist nie allein!“

Der König schloss den Deckel der kleinen Holztruhe. „Nun denn … wenn dies der Wille der Götter ist, so sei es. Ich werde zugleich meine Tochter zu mir rufen und wenn Ihr gestattet, meinen besten Krieger zu ihrem Schutz beordern.“ Er atmete tief ein und seufzte. „Aber was passiert, wenn meine geliebte Serenity versagt?“

„Hoffnung, mein lieber Vyncent. Hoffnung ist unser Glaube – nicht die Angst!“ Lu schwebte langsam gen Kuppel empor. Shou folgte ihm in stoischer Ruhe. „Wir danken Euch und werden uns, so hoffe ich, schon bald im Guten wiedersehen.“

„Fu?! Fuuuuuuuuuuu! Wo bist Du?!“ Shou blickte nach unten und suchte den Gott des Glücks.

„Moment … also Du bist Fu und die beiden da oben heißen Lu und Shou?! Richtig? Und Du bist der Gott des Glücks? Dann kannst Du ja nur gewinnen! Das würde bedeuten, wenn wir beide würfeln, dass ich automatisch verliere. Hältst Du mich für komplett bescheuert?!“ Raphael und Fu saßen auf dem steinernen Kompass und diskutierten angeregt über die Idee des Glücksgottes, eine Runde Würfel zu spielen.

„Das ist Auslegungssache. Wer an das Glück glaubt – der Glaube bezieht sich ja schließlich auf viele Dinge im Leben – der wird auch gewinnen. Also, Du musst nur ganz fest an mich glauben, dann ist das Glück auf Deiner Seite.“ Der grinsende Gott wedelte erneut mit der goldenen Rolle vor Raphael’s Nase herum. „In dieser güldnen Rolle sind übrigens alle Glückspilze verzeichnet, die in ihrem Leben Glück haben. Außerdem lass ich Leute auch mal gewinnen, nur Pech macht auch keinen Spaß.“

„Steh ich auch in Deiner Rolle?“ Der Engelskrieger war neugierig geworden. „Bis dato hatte ich nicht immer Glück.“ Er deutete auf seine blutrote Narbe im Gesicht.

„Also für Verletzungen dieser Art kann ich wirklich nichts. Wer sein Glück überfordert, der bekommt auch mal was auf die Nase. Glück ersetzt ja nicht Intelligenz. Wie man an meinem älteren Bruder dort oben erkennt.“ Fu warf sich dabei vor Lachen nach hinten und purzelte dabei fast von seiner Wolke.

„Es reicht jetzt, Fu!“ Lu’s Worte donnerten wie ein Gewitter im Saal des göttlichen Kompasses. „Wir müssen gehen!“

„Gehen? Seit wann gehen wir? Wir schweben von dannen. Aber gut … ich komm ja schon.“ Der Gott des Glücks zwinkerte Raphael zu, bevor er langsam nach oben entfleuchte. Er winkte dabei nochmals fröhlich mit seiner Rolle. „Wir sehen uns, Raphael. Und ja … Deinen Namen kenne ich!“

Schließlich verschwanden die drei Götter in einem gleißenden Schein aus den schönsten Regenbogenfarben und einem leisen „Menno … nicht einmal spielen durfte ich.“