„Ich hatte gehofft, dass dieser Kelch des Schicksals an mir vorüberzieht. Wir müssen einen Vorwand finden, um die Könige zu vertrösten.“ König Vyncent wandte sich vertrauensvoll an seinen Leibgardisten. „Ruft meine Tochter.“

Kurz danach erschien Serenity, noch etwas schlaftrunken, im Saal. Als sie das Ausmaß der Zerstörung erkannte, schluckte sie schwer. „Paps?“

„Es fällt mir nicht leicht, meine liebste Tochter, aber wir müssen reden, denn ich habe eine schwere Aufgabe für Dich.“

„Du tust ja gerade so, als ob morgen die Welt untergehen würde.“

Die Mimik des Königs verdüsterte sich. „Es kann sein, dass die Welt, wie wir sie kennen, tatsächlich schon bald untergeht und die blaue Flamme des Kompasses auf ewig erlischt.“

Das ansonsten frohgemute Lächeln wich nun einem etwas hilflosen Blick. „Vater, was ist passiert?“

„Bisher haben wir lange in Frieden gelebt, doch dann hat sich erneut die Gier in die Herzen vereinzelter Herrscher geschlichen und sie mit Hass und Verrat vergiftet. Die Zeiten des Friedens sind bald vorbei, sollten wir den Kompass und das Licht der Rose nicht retten. Wir müssen die Hilfe von Freunden und deren Seelenverwandten suchen, um den völligen Untergang vieler guter Menschen zu verhindern.“

Vyncent nahm seine Tochter sanft an der Hand. „Ich möchte Dir nun etwas zeigen und Dir einen Weg aufweisen, den nur Du gehen kannst, um unsere Welt vor dem Untergang zu retten.“ Die junge Prinzessin erschauerte bei dem Gedanken und senkte leicht die Schultern, gerade so, als ob ihr eine schwere, unsichtbare Last auferlegt worden wäre.

„All die Jahre hat der Kompass und der gewählte König das Land und sein Volk beschützt. Jeden Sturm, jede Woge der Gewalt und jede noch so feige Intrige mutig bestanden und konnte somit das Licht der Liebe am Leben erhalten.“ Der König wirkte müde, als er sich zu Serenity wandte. „Leider sind Menschen und auch Könige nicht über jeden Zweifel erhaben und anfällig für böse Laster wie Gier, Hass oder Ungerechtigkeit.“

„Ich weiß, Vater. All das hast Du mich die letzten Jahre neben dem Kampf mit dem Schwert und der Feder gelehrt.“

„Die Götter selbst haben den Kompass zerstört. Sollte das Licht komplett erlöschen werden schon bald schwarze Horden durch das Land ziehen. Es wird nicht lange dauern, dann finden diese auch den Weg über die Flüsse und in unsere Dörfer und Städte. Sollten sie sich dort mit anderen dunklen Truppen jenseits unseres Reiches vereinen, steht es schlecht um unsere Zukunft und aller Lebewesen. Es gibt nur einen Ausweg, eine göttliche Aufgabe, die gemeistert werden muss.“

„Was kann ich tun, Vater.“ Stolzer und entschlossener denn je wirkte der Blick der Prinzessin. „Das Böse kann nur dann obsiegen, wenn das Gute tatenlos zusieht. Lieber verliere ich mein gesamtes Hab und Gut, als zuzusehen, wie Schwachen und Hilflosen alles genommen wird. Warum sonst sind wir Menschen, wenn wir nicht denen helfen, die nicht genug Kraft und Mut besitzen, um sich gegen die Habgier vermeintlich Stärkerer zu wehren.“

„Du bist mein einziges Kind, rein im Herzen und voller Güte. Somit erhältst Du, von den Göttern auserkoren, die Aufgabe, die Werte des Lebens zu bündeln, um den Kompass und alle Wesen unseres Reiches zu retten. Dein Kampf wird über das Böse obsiegen und es der Dunkelheit verweisen!“ Die Worte des Königs waren nun sehr ernst und von tiefem Klang geprägt. „All die Werte, die uns zu Menschen oder guten Wesen machen, müssen von Dir, meiner geliebten Tochter, im Land gesucht und aufgefunden werden. Jeder Deiner neuen Gefährten und dessen Seelenverwandter steht für einen Wert, der erst im Verbund mit anderen Freunden zu einer himmlischen Waffe gebündelt wird. Ein Einzelner vermag einen Funken zu entzünden, die Harmonie jedoch vermag einen Sturm des Feuers entfachen.“

Bedeutsam hallten seine Worte im Echo des Saales wider, während Vyncent die Holzkiste öffnete und den blau leuchtenden Kompass entnahm, welcher an einer feingliedrigen Silberkette baumelte.

„Wie finde ich jene Gefährten, die für eine solch mutige Sache kämpfen?“, fragte Serenity mit bebender Stimme.

Ihr Vater trat nah an sie heran, legte die Kette bedächtig um ihren Hals und lächelte fürsorglich. „Sieh selbst!“

Serenity nahm den feinen Kompass in die Hand und betrachtete ihn näher. Er war federleicht, kaum merklich vom Gewicht her zu spüren. Das Kleinod fühlte sich wundersam warm an und pulsierte gleichmäßig mit dem Takt ihres Herzens. Sie traute ihren Augen kaum, denn den Kompass umhüllte ein leichtes Glühen, ohne ihre zarte Hand zu verbrennen. Sanft leuchtend, wie ein Glühwürmchen, konnte sie eine feine Nadel mit Pfeil erkennen. Tatsächlich war die Spitze nur für sie sichtbar und zeigte ihr den richtigen Weg. Die junge Prinzessin hatte den Eindruck, als ob der kleine Kompass lebte und sich mit ihren Gedanken im Einklang befand.

„Orientiere Dich zunächst an der Nadel. Sie zeigt Dir den rechten Weg zu jedem Gefährten. Der Kompass wird Dir das entscheidende Zeichen geben, denn je näher Du Dich dem neuen Freund näherst, umso heller leuchtet der Kompass. Der Wert, der alles über den Charakter Deines neuen Freundes offenbart, wird heller als alle anderen Werte leuchten, während die Nadelspitze darauf verharrt. So erkennst Du, welchen kostbaren Charakter der Weggefährte in sich trägt, auch wenn dieser es Dir vielleicht zunächst nicht glaubt. Selbst, wenn Du aufgrund einer oberflächlichen Meinung das eine oder andere Mal zweifeln wirst, offenbart dieser kleine Kompass die Wahrheit über jedes Wesen. Bedenke dies und urteile nicht voreilig, denn der Kompass täuscht sich nicht, auch wenn das Herz eines Menschen oder Wesens einen Weg der Irrung geht. Jeder Irrweg kann zurück auf den Pfad des Guten führen, Du musst jenen nur dabei helfen. Du wirst also immer wissen, wer auf Deiner Seite steht und mit viel Mut und Geschick alle Werte im Kompass erkennbar füllen. Behüte den Kompass wie Dein Leben, denn er weist Dir und Deinen Gefährten den Weg zum Ziel – wo auch immer dies sein mag.“

„Wie viel Zeit bleibt mir?“

„Du musst Dich umgehend auf den Weg machen. Bedenke bitte, dass Monderyan oder andere Schurken über Dich bald informiert und alles daransetzen werden, sich diesen Kompass zu holen.“

Serenity wankte zwischen Tränen und Wut. Sie umklammerte den Kompass noch fester, um durch seine Wärme ein wenig Sicherheit zu verspüren. Ihr Vater nahm sie in den Arm und drückte sie innig an sich.

„Ich weiß, dieser Weg wird schwer. Jedoch bist Du meine Tochter, ein starkes Mädchen und die Prinzessin von Angelwood. All mein Stolz, all mein Glaube und all meine Liebe strömt durch Deine Venen. Dein Herz ist stark, Dein Wille unbezwingbar.“ Vyncent blickte tief in die Augen seiner Tochter. „Außerdem bist Du so schön wie Deine Mutter und wirst dank Deines Liebreizes so manch schwierige Situation meistern, die ein Mann nicht lösen könnte.“

„Geliebter Vater …“, seufzte Serenity. „Ich werde Dich nicht enttäuschen.“

„Du bist nie allein, sei es im Geiste oder auf Deinem gefährlichen Weg; ich werde immer bei Dir sein. Raphael wird Dich außerdem begleiten und beschützen.“ Vyncent griff zu seinem Schwert. „Ich übergebe Dir die unzerstörbare Klinge unserer Ahnen: das heilige Schwert von Angelwood. Es wird Dir im Kampf zur Seite stehen und dem Feind das Fürchten lehren.“

Vyncent nickte Raphael vertrauensvoll zu. „Ihr werdet unsere beiden prächtigsten und wackersten Pferde aus dem königlichen Stall auf die Reise mitnehmen.“

„Luna und Oreos?“ Serenity lächelte. Bei dem Geschwisterpaar handelte es sich um äußerst stolze Geschöpfe mit geheimnisvollen Zauberkräften, die nie ohne den anderen unterwegs waren. Ein schwarzer Hengst und ein weißer Schimmel – loyal, liebevoll und unerschrocken, egal, was kam. Sie hatten einstmals in den Kriegen gemeinsam mit der Engelsgarde tapfer gegen die Bergoger  gekämpft.

„Danke, Vater!“ Serenity hob stolz den Kopf. Ihre Furcht wich einem unerschütterlichen Kampfgeist. Was sollte mit dieser Begleitung schon schiefgehen?