Seit zwei Tagen waren Prinzessin Serenity und Raphael, der Engelskrieger, unterwegs. Die Nadel des Kompasses hatte sie Richtung Westen durch den Wald der Engel, der die Stadt und den strahlenden Turm von Angelwood hinter riesigen uralten Bäumen verbarg, direkt zum mächtigen Fluss Llyll, der den Norden mit dem Süden verband, geführt.

Die Sonne versank langsam am Horizont und es war Zeit, einen sicheren Schlafplatz für die Nacht zu finden. Sie schlugen schließlich ihr Lager am Ufer des Flusses auf und entzündeten ein Feuer.

Der Engelskrieger, dessen Miene sich in zwei Tagen kein einziges Mal auch nur im Geringsten verändert hatte, blickte ruhig, aber mit scharfem Blick umher. „Ich hoffe, der Kompass führt uns schon bald zum ersten Ziel.“

Serenity löste das Lederband ihrer Wolldecke und breitete diese über den von winzigen Kieselsteinen bedeckten Boden. Dann nahm sie im eleganten Schneidersitz darauf Platz und lächelte. „Ich bin mir sicher, dass wir schon bald auf den ersten Gefährten treffen werden. Nun sind wir schon zwei Tage unterwegs und ich kenne immer noch nicht Deine Geschichte. Wer sind Deine Eltern?“

Raphael grummelte etwas in seinen struppigen Drei-Tage-Bart und sorgte dafür, dass das Feuer mit frischem Holz versorgt wurde. „Meine Vergangenheit ist nicht wichtig, ich diene Eurem Vater und somit auch Euch, werte Prinzessin. Wir Engelskrieger haben unsere Namen an dem Tag verloren, als wir in die Dienste des Himmels und des Königs von Angelwood getreten sind. Unsere Vergangenheit und somit unsere Namen, sollen die Gegenwart und unsere Zukunft nicht belasten.“

„Ihr habt also alle andere Namen und mein Vater verleiht jedem Krieger einen neuen? Nun … Raphael ist jedenfalls ein wunderschöner Name. Er klingt nach Vertrauen und Mut.“

Serenity blickte verträumt den glimmenden Feuerfunken, die vom Wind über den sanft plätschernden Strom in die Dämmerung getragen wurden, um dort langsam zu verglühen, hinterher.

„Ja … Euer Vater gab ihn mir. Er sagte, dieser Name und all mein zukünftiges Tun seien etwas Besonderes und würden all meine schrecklichen Missetaten vergangener Zeiten vergessen lassen.“

„Ich würde keinen Menschen nach längst vergangenen Taten beurteilen, Raphael, sondern nur nach den zukünftigen. Wir alle haben es in der Hand, unsere Vergangenheit zu bereinigen, um bessere Menschen zu werden. Es liegt an uns.“

„Dies klingt sehr weise, für eine so junge Dame.“ Das erste Mal sah es fast so aus, als ob Serenity ein winziges Lächeln in den Augen des Engelskriegers entdecken konnte.

„Nun ja, weise … was heißt das schon … mein Vater ist eben klug und trägt all seine Weisheit an jüngere Generationen – nicht nur an mich – heran. Er gibt das weiter, was andere Könige, Herrscher oder Kriegsherren gerne für sich behalten, da diese denken, sie würden daraus einen Vorteil ziehen. Wenn nun aber jeder all seine Erfahrungen für sich behält, gehen nachfolgende Generationen ohne dieses wichtige Wissen unter. Sie sind mit Dummheit bestraft, nur, weil ein Einzelner aus egoistischen Gründen alles für sich behält. Er verdammt nicht nur seine Erben, sondern auch dessen Gefolgschaft. Mein Vater meint, er habe lieber 100 schlaue Soldaten in einer Schlacht an seiner Seite als einen egozentrischen König.“

„Wohl wahr, dies ist wohl auch der Grund für seine legendäre Freundschaft zu General Hammond, der sein Wissen ebenso mit seinen Leuten teilt. Ein guter Führer, dessen Gefolgschaft weder Tod noch Teufel fürchtet.“

„Zu dieser Gattung Soldaten gehören die Krieger der Engelsgarde auch, soweit ich gehört habe? Nicht umsonst hat mir mein Vater Euch als sicheres Geleit zur Seite gestellt.“

Der Engelskrieger blickte starr und unbeweglich ins prasselnde Feuer. „Gerüchte und Geschichten von betrunkenen Männern in verqualmtem Spelunken. Wir sind, was wir sind und geben einfach nur unser Bestes, um unseren König, Euren Vater, nicht zu enttäuschen. Wir wollen dabei nicht die Welt oder deren geschichtlichen Verlauf verändern. Wir sehen uns als Begleiter und Schutz des Königs von Angelwood und dessen Familie.“

„Jeder Herzschlag ist eine Sekunde in der Ewigkeit. Solange dein Herz schlägt, kannst du die Welt verändern. Das sagte mir meine Mutter und ich muss gestehen, lieber Raphael, ich spüre hier königliche Schwingungen, welche uns dazu veranlassen, sehr viel zu verändern.“

Raphael zupfte seinen zerknautschten Mantel zurecht und nickte mürrisch. Die Blicke der beiden durchdrangen die züngelnden Spitzen der Flammen und trafen sich über dem prasselnden Feuer. Nun konnte Serenity eindeutig etwas Gutes in den traurigen Augen des Engelskriegers erkennen. Was musste dieser Mann, mit der tiefen Narbe, die sich über die linke Augenbraue bis hinab zum Mundwinkel zog, in der Vergangenheit Schreckliches erlebt haben? Welche furchtbaren Taten lagen hinter ihm und hatten ihn bewogen, Sühne bei ihrem Vater zu suchen?

Serenity wusste, dass dieser Mann immer beschützend an ihrer Seite stand, egal was passieren mochte. Sie hoffte, dass das düstere Geheimnis, welchen den ehemaligen Söldner wie ein zarter Schleier umgab, schon bald von ihr gelüftet werden sollte. Was sie nicht ahnte, dass bereits mit dem ersten wärmenden Sonnenstrahl ein neuer, aufregender Gefährte ans Ufer gespült werden sollte.

Jeder Herzschlag ist eine Sekunde in der Ewigkeit.
Solange Dein Herz schlägt, kannst Du die Welt verändern.

Ein wohlriechender Duft zog am nächsten Morgen über die in leichtem Frühnebel gehüllte Schlafstelle und kitzelte Serenity aus unruhigem Schlaf. Sie streckte sich und wischte den Schlaf aus den Augen. Raphael saß bereits – oder noch immer – am selben Platz wie in der Nacht zuvor und bereitete frischen Bohnensud aus gemahlenen Früchten, braunem Zucker und getrockneter Rinde südländischer Zimtbäume. In der Luft lag die typisch klare Witterung, wie man es vom Frühling kannte.

„Guten Morgen, werte Prinzessin. Ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen.“

„Nennt mich doch bitte Serenity. Prinzessin ist immer so förmlich und erinnert mich zu sehr an die höfische Etikette.“

„Wie es Euch gefällt, Eure Hoheit … verzeiht mir … Serenity.“ Raphael kam ein wenig ins Stottern, als er die Prinzessin mit dem Vornamen ansprach. „Möchtet Ihr … möchtest Du … etwas Kaffee und Brot?“

„Sehr gerne!“, rief Serenity, während sie sich am Flussufer frisch machte. „Laut Kompass müssen wir stromaufwärts am Ufer entlangwandern. Dort oben im Nord-Westen lebt mein Onkel mit seinen beiden Kindern. Ein kleines Boot wäre wahrscheinlich sinnvoller, dann könnten wir meinen Onkel besuchen.“

„Ihr kennt Euch in der Gegend scheinbar sehr gut aus. Woher rührt Euer Wissen?“

„Mein Vater lehrte mich bereits als Kind viele Dinge. Er meint, es ist wichtig, den Geist und den Körper im Einklang zu halten. Nur so findet man zu einem gesunden Gleichmaß im Leben. Naja … manchmal hätte ich lieber mit den Pferden im Stall oder den Kindern im Hof gespielt.“ Sie tätschelte liebevoll die Köpfe der beiden Pferde, während sie Oreos und Luna mit Wasser und Stroh versorgte.

„Das Leben einer Prinzessin ist voller Aufgaben und vieler Entbehrungen. Ihr müsst vielen Dingen, die Freude bereiten, Platz in Eurem Herzen für ehrenvolle Pflichten und Euer Volk machen.“

„Leider …“, seufzte Serenity. „Jedoch haben mir meine Eltern trotz alledem so viel Freiraum wie möglich eingeräumt. Ich kann nicht behaupten, dass ich eine schreckliche Kindheit hatte.“

„König sein ist wohl eher eine Ehre als eine Berufung. Manche Könige und Herrscher nutzen ihre Macht nur zu ihren eigenen Gunsten und vergessen dabei, was es ausmacht, ein König zu sein.“

Serenity setzte sich zu Raphael ans Feuer, der ihr eine dampfende Schale köstlichen Kaffees reichte. „Eigentlich kann jeder König sein – auch Du, Raphael! König sein fängt im Herzen an, dort wo im Takt der Seele ein aufrichtiger Charakter pocht. Ein Charakter, der über den Sinn seines Handelns nachdenkt und auch der Gegenseite – selbst dem Feind – sein Gehör und seine Wertschätzung schenkt.“ Serenity nahm einen kräftigen Schluck und fuhr fort. „Zunächst müssen wir aber unterscheiden, zwischen dem echten König und einem König, der sich selbstverliebt im Glanze der Krone, seiner eigenen Schwäche und damit niederen, egoistischen Zielen spiegelt. Wir müssen uns Fragen stellen, auf die nur ein König die Antworten findet.“

„Welche Fragen sind das?“ Raphael lag voll im Bann der Worte der sowohl schönen als auch klugen Königstochter.

„Da gibt es so viele Fragen, die mich immer wieder beschäftigen. Was zeichnet eigentlich einen guten König oder eine liebevolle Königin aus? Kann oder darf jeder Mann oder jede Frau einen Königstitel sein eigen nennen? Wer darf herrschen und wer über Wohl und Leid des Volkes bestimmen? Was muss ein Mann oder eine Frau erfüllen, um die Liebe und die Anerkennung des Volkes als größtes Geschenk zu erhalten? Wann sollte ein König persönliche Wünsche und sein eigenes Gewissen zum Wohl des Volkes und des Landes hintenanstellen? Welcher Charakter ist vonnöten, welche Werte müssen erbracht werden, um ein wahrhafter König, eine bezaubernde Königin zu sein?“

„Hast Du die Antworten hierauf gefunden?“

„Nicht auf alle diese Fragen, denn ein König wirkt durch seine Taten.“ Die Worte strömten ohne Unterlass von ihren bezaubernden Lippen. „Kein Gold, kein Reichtum, keine Besitztümer machen einen wahren König. Es ist das tapfere Wesen und die mutige Seele eines Kämpfers, der philosophische Klang eines pochenden Herzens, der feste Glauben an eine Sache und die Liebe zu seinem Volk, die einen König ehrenwert erscheinen lassen. Ein König lässt jeden Geist frei atmen und kämpft auf den Schwingen des Vertrauens für sein Volk und eine gerechte Sache. Er steckt Niederlagen ein, steht wieder auf und kämpft erneut. Es sind jene Werte, die in jedem Herzen schlummern und unseren wahren Charakter offenbaren. Es erfordert viel Kraft und Mut diesen Werten den persönlichen Halt in einer Gesellschaft zu geben, die das eine oder andere Mal durch Gier und Arroganz regiert wird. Ein wahrer König kann zwischen Wahrheit und Dummheit unterscheiden und besiegt den eigenen egoistischen Stolz zum Wohle seines Volkes.“

Raphael folgte den Ausführungen der Prinzessin mit glänzenden Augen. „Falls ich die Wahl treffen müsste, für wen ich mein Dasein opfere, so würde ich für Euch sofort und ohne Kompromisse mein Leben geben, geschätzte Prinzessin.“

Serenity lächelte. „Ach was … es sind doch nur Worte, denen Taten folgen müssen. Es wird immer Tage oder Momente geben, an denen auch ich voller Angst eine falsche Entscheidung treffen werde. Das prägt uns, macht uns menschlich. Außerdem seh’ ich Dich lieber lebend.“ Sie berührte zart die tiefe Narbe auf der Wange des Engelskriegers. Raphael zuckte erschrocken zurück. „Keine Sorge, ich beiße nicht und weiß Deine Loyalität zu schätzen. Mein Vater weiß, wer zu seinen besten Männern gehört. Ich danke Dir und die Betonung liegt auf DIR!“

„Entschuldigt … äähhm … entschuldige bitte … ich bin es nicht gewohnt eine königliche Tochter zu duzen. Aber ich arbeite daran …“

„Genau wie an Deinem Lächeln. Nimm Dir ein Beispiel an meinem Vater, er ist allzeit gut gelaunt. Apropos Vater … wir müssen weiter, wer weiß, wo uns der Kompass noch hinführt. Wir haben bis jetzt noch keinen einzigen Gefährten gefunden.“

„Was ist das?“ Serenity’s Blick folgte dem ausgestreckten Arm Raphaels, der mit finsterer Miene auf ein kleines Segelschiff, welches in einer Flussbiegung am Ufer in der Nacht vor Anker gegangen waren, deutete. „Ein Schiff! Es liegt genau in jener Richtung, in die wir ziehen müssen.“

Die beiden konnten noch nicht genau erkennen, um was für eine Art von Schiff es sich handelte, ob es nun ein Kriegsschiff mit Bewaffnung oder einfach nur ein Transportschiff war. Das Wappen auf den schwarzen Segeln der Schiffe deutete jedoch auf Unheil hin, denn es war klar der gehörnte Totenkopf der schwarzen Garde von Zyria zu erkennen. Dieses düstere Wappen kannte jeder im Land und wies auf erhebliches Ungemach hin.

Raphael schwang seinen blutroten Umhang zur Seite, man spürte förmlich, wie sich jeder Muskel gleich eines Raubtieres kurz vor dem Sprung zum Zerreißen anspannte. Seine Hand legte sich fest um den Knauf seines gigantischen Schwertes, welches eng an der goldenen Panzerung seiner Rüstung lag.

Serenity erschrak, als sie den veränderten Gesichtsausdruck des Engelskriegers sah. Das harte Spiel seiner Wangenknochen zeugte von tiefem Willen jeglichen Feind zu besiegen. Hier stand Raphael allein, was für ein furchteinflössender Anblick musste dann eine Einheit der Engelsgarde für den Feind bedeuten? Die Niederlage im Geiste und damit sofortiger Rückzug vom Schlachtfeld? Die Schlachten dieser Krieger kannte sie nur von den spannenden Geschichten ihres Vaters beim abendlichen Mahl. Sie griff ebenfalls beherzt zum Schwert ihrer Ahnen.

„Lass uns zunächst mit dem Anführer des Schiffes sprechen.“, rief sie mit beherrschter Stimme, gerade so, als ob sie sich damit selbst Mut zusprechen wollte. Mit erhobenem Kopf stellte sie sich neben ihren Beschützer. „Wer weiß, in welchem Auftrag sie unterwegs sind.“

„Die schwarze Garde der Königin Zyria hat nie ein verheißungsvolles Ziel, außer es geht um Gold, Blut oder Untergang.“ Raphaels Mimik verdüsterte sich zusehends. „Jedoch schenke ich Dir mein Vertrauen, so wie Du mir vertraust. Sprich mit ihnen, ich werde Dir Rückendeckung geben.“

Als sie das Schiff erreichten, verstummte der Engelskrieger, denn sein Augenmerk lag auf dem hektischen Treiben an Deck. Schiffe dieser Klasse baute man nicht allzu groß. Sie waren für maximal 20 Mann plus Pferde und kleinere Transportgüter ausgelegt und so konzipiert, dass sie auf Seen und Flüssen fahren konnten. Diese Bauweise ermöglichte der Besatzung, ohne Mühe, auch in seichtem Gewässer an Land gehen zu können.

Drei Männer in dunkler Rüstung entdeckten die beiden und sprangen mit Schwert und Schild gewappnet vom Schiff, um auf sie zuzulaufen. Serenity wollte schon etwas rufen, jedoch stockte sie, denn das waren keine Männer der schwarzen Garde. Das Schiff deutete zwar darauf hin, jedoch zeugte das Wappen auf dem Schild der Soldaten vom Gegenteil.

„Das sind nicht Zyria‘s Männer!“, flüsterte sie Raphael zu. „Ihre Schilder sind von einem goldenen Löwenkopf geprägt. Das sind Soldaten des schwarzen Prinzen Monderyan!“ Raphael zeigte sich überrascht, denn er hatte aufgrund des Wappens auf dem Segel andere Soldaten erwartet. Die Männer standen nun unmittelbar vor ihnen. „Wer seid ihr? Wohin führt Euer Weg?“, fragte einer der drei mit forschem Ton.

Serenity entspannte sich merklich, denn die Soldaten zeigten keinerlei feindliche Absichten. Ihre Schilder und Schwerter hielten sie symbolisch gesenkt, was ihren Willen zum friedfertigen Austausch demonstrieren sollte. Die übrigen Männer auf dem Schiff schienen sich über irgendetwas an Bord zu amüsieren, sie lachten dabei laut und zeigten keinerlei Interesse am Geschehen an Land. Es hatte den Anschein, als ob die Männer davon überzeugt waren, dass von den beiden keine Gefahr auszugehen vermochte.

Raphael zeigte nach wie vor keine Regung und verharrte mit bitterböser Miene hinter der Prinzessin. „Wir sind auf einer Pilgerreise und möchten im stillen Einklang mit der Natur des Landes einhergehen. Wir suchen Frieden und Trost im Gespräch mit den Göttern der Fauna.“, säuselte Serenity friedlich.

„Interessant.“, lachte der größte der drei Soldaten. „Im Einklang mit der Natur, das sind wir auch häufiger, wenn wir durch die Dörfer ziehen und hübschen Damen den Hof machen.“ Seine beiden Mitstreiter lachten laut. „Wir kommen gerade erst aus einem dieser Dörfer, nur waren die Damen dort nicht wirklich mit unseren Naturgegebenheiten und Überredungskünsten zufrieden.“ Erneut lachten alle gemeinsam, wobei sich Serenity lautstark dem Gelächter der Kerle anschloss.

„Ja, ich weiß … wir Frauen sind eben nicht so einfach glücklich zu machen. Wobei ich gestehen muss, dass Ihr aufgrund eurer schneidigen Erscheinung doch sicherlich viel weibliche Anteilnahme in eurem Reich genießt.“

„Das ist wohl wahr!“, scherzte der hochgewachsene Soldat und trat näher an Serenity heran. „Werte Dame, wie ich sehe, seid Ihr eine Frau von Welt und habt sofort erkannt, aus welchem Eisen wir geschmiedet sind“. Er beugte sich direkt vor das Gesicht der Prinzessin, die den üblen Geruch von beißendem Schweiß und schwerem Rotwein wahrnahm. „Freunde, wir haben hier ein Prachtexemplar weiblicher Institution. Was haltet Ihr davon, uns auf das Schiff zu begleiten. Dort könnt Ihr meinen verbliebenen Kameraden ein wenig mehr von Euch erzählen und solltet dabei nicht mit Euren Reizen geizen.“ Einer der drei Soldaten, etwas dicklich und von kleiner Statur, grunzte lachend. „Hey, das reimt sich.“ Bis jetzt hatte keiner der drei Männer auch nur im Geringsten Raphael beachtet. Es schien fast so, als ob der Begleiter der Königstochter unsichtbar war.

„Meine Herren, so früh am Morgen, frönt Ihr schon Wein, Weib und Gesang? Ihr wisst doch, dass eine Dame von Welt dies nicht schätzt.“ Serenity lächelte und stupste dem Soldaten leicht auf die Nase. „Wir können uns aber gerne in ein paar Tagen treffen und dann zeige ich euch gerne, was ich zu bieten habe. Nennt mir euren Heimathafen, einen Ort und ein Datum, ich werde dort sein.“

Das Lächeln des Soldaten gefror. Die Schilder und Schwerter der Männer wanderten nun bedenklich in die Höhe. „Warum so lange warten und nicht sofort in den Genuss eines solch schönen Mädchens kommen? Euer Begleiter kann gerne mit von der Partie sein, vielleicht wird er nach einer Flasche exzellenten Rotweins etwas lockerer. Er steht hinter Euch, als ob er einen Stock im Hinterteil hätte.“ Nun wandte er sich Raphael zu, schob Serenity beiseite, trat näher an ihn heran und beäugte ihn skeptisch. „Aus welchem stinkenden Oger-Loch haben sie denn Dich herausgelassen? Du blickst drein, als ob gestern Deine Großmutter in einer Urne verschwunden wäre.“

Er kreiste grinsend um Raphael und musterte ihn mit spöttischem Blick. „Deine Rüstung ist ja richtig schnieke. Da hat sich der werte Herr mal richtig was gegönnt oder hat Dir das Teil Deine kleine Schwester spendiert? Allein der rote Umhang macht ja richtig was her!“ Dabei nahm der Soldat einen Teil des Umhangs in seine rechte Hand, um dessen Qualität zu ertasten. Es sollte jedenfalls beim Versuch einer Berührung bleiben, die umgehend im Keim erstickt wurde. Blitzschnell drehte sich Raphael kraftvoll im Kreis und hämmerte seine Faust in das verdutzte Gesicht des Soldaten. Noch bevor der bewusstlose Körper den Boden berührte und die anderen beiden Soldaten reagieren konnten, flogen ihre Körper in hohem Bogen quer ins Kiesbett, wo sie regungslos liegen blieben.

„Von mir aus können wir nun den erbärmlichen Rest dieser Mode-Experten besuchen, um den Burschen meinen graziösen Umhang zu zeigen. Vielleicht erfahren wir dann auch gleich, wer diese Schwachköpfe sind!“ Raphael stieg über die regungslosen Körper in Richtung Schiff an Serenity vorbei, die mit offenem Mund überlegte, was da gerade passiert war.

„Raphael …“, schüttelte sie kurz empört den Kopf und lief hinter ihm her, um ihn festzuhalten. „Raphael! Wir haben eine Aufgabe zu erfüllen und sollten versuchen, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Wir können es doch nicht mit allen aufnehmen! Bis jetzt hat noch niemand den Verlust der drei Männer bemerkt. Die anderen Soldaten sind scheinbar mit etwas anderem beschäftigt. Lass uns lieber gehen, bevor es zu spät ist!“

Der Engelskrieger stockte und kratzte sich grübelnd am Kinn. „Gut, da hast Du Recht, aber es soll keiner mehr wagen, Dich zu beleidigen oder mich anzufassen.“

Serenity lächelte verschmitzt. „Da hatte ich ja vorhin großes Glück, als ich versehentlich Deine Wange berührte. Nicht, dass es später heißt, Du hättest wegen mir das Schwert geschwungen und den Soldaten eine neue Rasur verpasst.“ Raphael brummte verlegen, drehte sich um und verschnürte den handlichen Rucksack mit den Utensilien für die Reise auf den Sätteln der Pferde.

Gerade als Raphael in Richtung Wald reiten wollte, hielt ihn die Prinzessin zurück. Er drehte sich zu ihr und sah, wie scheinbar jegliches Blut aus ihrem zierlichen Gesicht verschwunden war. „Was ist passiert, Serenity? Was ist los?“ Sie blickte starr auf den Kompass, den sie mit beiden Händen fest umklammert hielt. Die Nadel des Kompasses leuchtete wie ein kleiner Stern, hell und klar. Der erste Wert, jene wichtige Charaktereigenschaft eines jeden Gefährten, der gefunden werden sollte, funkelte in gleißendem Licht. Die kleine Nadel verharrte über dem ersten Wort. „Was steht dort? Was erkennst Du? In welche Richtung deutet die Spitze?“ fragte Raphael.

Serenity hob mit gedankenverlorenem Blick den Kopf, blickte zunächst ungläubig Raphael in die Augen, um dann auf das Schiff zu deuten, welches nach wie vor am Ufer im Wellengang schaukelte. „Dorthin …“, wisperte sie. „Die Nadel deutet auf das Schiff. Wir müssen, ob wir es wollen oder nicht, auf diesen verfluchten Segler.“

Raphael drehte das Pferd zum Schiff und nahm sein Schwert aus der Scheide. Serenity tat es ihm gleich und folgte ihn im Schulterschluss. „Für welchen Wert kämpfen wir?“

Die flimmernde Nadel wirkte aufgrund des hellen Lichts wie ein verlängertes, flammendes Schwert: „Kraft.“, flüsterte Serenity.