Die glorreichen Zeiten für furchterregende Oger waren schon lange vorbei. Zogen die gefürchteten Bergoger damals durch Dörfer und Städte, um den Menschen einen gehörigen Schrecken einzujagen und alles in Schutt und Asche zu legen, was in ihre riesigen Pranken geriet, so waren es nach der großen Schlacht gegen die Oger nur noch kleine Gruppen, die mehr im Verborgenen als Verbündete der dunklen Königin Zyria im Lande verstreut ihre Dienste leisteten.

Einstmals waren die Oger in zwei Gattungen unterteilt. So gab es die leuchtend-grünen Waldoger, die in Wäldern oder in feucht-modrigen Gebieten ihr Zuhause fanden und sich damit zufriedengaben, was ihnen die Natur schenkte.

Die grünen Wald- und Sumpfbewohner sorgten neben ihrer Liebe zu ausgiebigen Bädern in blubberndem Morast aufgrund ihres ausgewogenen Speiseplans für ein Gleichgewicht in der Natur. Da gab es zum Beispiel den schlammbraunen atharnonischen Hühnerwürger, eine Mischung aus glitschigem Frosch und fieser Kröte mit immens großem Schädel. Dieses flutschige Ungetüm in der Größe eines Zwergpinschers hüpfte das eine oder andere Mal in die Hühnergehege der Menschen und verschlang in kürzester Zeit alle Hennen nebst Eiern. Selbst vor kleinen Hoppelhäschen oder pfeifenden Meerschweinchen machte der Hühnerwürger keinen Halt. Die Drahtgitter der Käfige durchbrach der kleine Allesfresser dank seines steinharten Schädels und konnte so seinen zügellosen Hunger stillen. Der Nachteil für den Hühnerwürger bestand jedoch darin, dass dieser nach beendeter Mahlzeit minutenlang rülpsen musste. Das war der Moment in dem der Waldoger mit geschultem Ohr blitzschnell mit seinem speziell aus lilianischem Eichenholz und Drachenfels gefertigten Hammer zuschlug und den kleinen Plagegeist verspeiste.

Ein anderes Tier, welches für den Oger der Wälder und Sümpfe eine echte Delikatesse darstellte, war der mitternachtsblaue Furchenkriecher. Dieses kleine flinke Geschöpf glich dem berüchtigten Sumpfdotterwurm, nur war der Furchenkriecher sehr viel größer und zudem noch giftig. Es war eine wunderschöne Waldschlange, die am Tag in den herrlichsten Blautönen im Sonnenlicht schimmerte und nach Einbruch der Dunkelheit sanft blau zu Leuchten begann. Mit ihrer prächtigen Farbe am Tage und dem faszinierenden Licht in der Nacht lockte die Schlange neugierige Bewohner des Waldes heran, um sie mit einem schnellen, giftigen Biss ihrer langen Fangzähne zu töten und zu verschlingen. Kinder, die am Waldesrand spielten, waren vom Farbspiel des Furchenkriechers so verzaubert, dass sie die Gefahr der Schlange unterschätzten und nach einem Biss schwer erkrankten. Der Waldoger hingegen war gegen das Gift immun und fing die Schlange, um in seiner Behausung mit dem blauen Licht eine entsprechend kuschelige Atmosphäre zu schaffen. Am Tage nutzte der Oger den Furchenkriecher – natürlich nach fachgerechter Platzierung eines Stocks im Hinterteil der Schlange – zum Ausklopfen von Teppichen und anderen Textilien, zur Säuberung von verstopften Toiletten, zum vergnügten Schrubben im Moorbad oder gar im verknoteten Verbund mehrerer Furchenkriecher als meterlange Wäscheleine.

Alles in allem waren die Waldoger ein friedfertiges Völkchen und sorgten dank ihres großen Herzens für Harmonie in den Wäldern und fanden viele Freunde unter den Bauern, der Bevölkerung und den Kindern. Geheimnisse und Erzählungen umrankten die Waldoger, wie ihre außergewöhnliche Gabe den Geschöpfen des Waldes und der Natur Leben zu schenken oder jenes zu erhalten.

Im kühlen Norden, in den kargen Bergen, lebten hingegen die kriegerisch-schiefergrauen Bergoger, die sich aufgrund ihrer gewissenlosen Streifzüge und den damit erbeuteten Schätzen ein feudales Leben leisten konnten. Ihre farbenreiche Kriegsbemalung verbunden mit dem ohnehin schon entsetzlichen Erscheinungsbild sorgte für Angst und Schrecken in den Dörfern, Wäldern und Bergen. Die mächtigen Hörner auf dem Schädel der Oger und die Köpfe ihrer Opfer, die sie wie Trophäen an ihrem Gürtel um den dicken Bauch trugen, wirkten dabei so bedrohlich, dass sie von den Menschen den Spitznamen ‘Teufelsoger’ erhielten. Nach jedem ihrer blutigen Streifzüge zogen sich die Teufelsoger in eine kolossale Festung zurück. Ihr blutrünstiges Treiben und ihre unersättliche Gier nahmen immer größere, schrecklichere Ausmaße an, sodass die Menschen schließlich die Könige der Länder um Hilfe baten. Es musste den Ogern und ihrem Treiben dringend Einhalt geboten werden.

König Norrgeth, Herrscher der Hafenstadt Conwl und sein Bruder Vyncent, Gebieter von Angelwood, entsandten jeweils eine stark aufgestellte Armee und führten diese siegreich gegen die Teufelsoger und deren Festung zu Felde. Die Soldaten der Könige belagerten und überrannten die Bastion der garstigen Bergoger und machten diese in einer blutigen Schlacht dem Erdboden gleich. Die Teufelsoger hatten aufgrund ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit keine Chance und konnten aufgrund der vergangenen Gräueltaten keine Gnade von den Menschen erwarten. Wo früher das menschliche Herz Milde für den Feind walten ließ, überkam die Menschen unbändige Wut auf die Wesen, die für so viel Leid verantwortlich waren. In ihrem Zorn befahlen die Könige der Länder die vollständige Vernichtung aller Oger – egal, in welchem Teil des Landes, egal, in welchem Schlupfwinkel – damit kein Oger weiteres Unheil über die Menschen und das Land bringen konnte. Die Menschen ächteten und verfolgten jeden Oger, gleichgültig, ob dieser friedlich dem Wald verbunden und den Menschen somit freundlich gesinnt war.

Einige wenige Teufelsoger überlebten die Schlacht und zogen sich in die Tiefen zerklüfteter Bergregionen zurück. Andere wiederum wurden Schergen und damit Verbündete der dunklen Königin Zyria, die den verfolgten Wesen ein verheißungsvolles Zuhause in den geheimnisvollen Gewölben ihres Schlosses versprach.

Den traurigen Umstand der Ogerjagd machte sich Zyria zunutze, die aufgrund einer uralten Prophezeiung ihre Macht in Gefahr sah und somit jeden einzelnen Waldoger vernichtet sehen wollte. So wurden die Waldoger durch intrigantes Spiel der bösen Königin ebenso von der Vernichtung durch Menschenhand getroffen, obwohl sie ein sanftmütiges Volk und keine Gefahr für die Menschen darstellten. Sie schützten sogar aufgrund ihrer freundlichen Gesinnung die Bauern und deren Kinder vor den Gefahren der Natur und sorgten für Harmonie im Tier- und Pflanzenreich.

Aus unendlicher Enttäuschung über die Taten der Menschen und die Jagd auf ihre friedfertigen Brüder und Schwestern zogen sich die Waldoger aus ihrem lieb gewonnenen Lebensraum zurück, um den gemeinen Häschern zu entkommen. Nur die ungezähmt-wilde Königin Lilly und ihr treuer Weggefährte General Hammond, setzten all ihre Kraft in die Verteidigung und den Schutz der Waldoger. Durch die Flucht in nebulöse Sumpfgebiete und die dichten Wälder von Lil konnten vereinzelte Waldoger der Hatz entgehen, denn dieses Hoheitsgebiet war ausschließlich den Waldjägern unter Königin Lilly und den Piraten von ‘Paradise’ im Wissen über sichere Pfade vorbehalten.

Trotzdem gerieten einige Waldoger in Gefangenschaft und wurden, nachdem man ihre Hörner vom Kopf gesägt hatte, von korrupten Offizieren an umtriebige Sklaven- oder Fleischhändler verkauft. Diese Händler boten die im Stolz gebrochenen Oger neben Vieh und anderen Kreaturen in rostigen Käfigen zum Kauf auf Märkten feil. Sie dienten den Menschen als Nahrung, Nutztiere oder Sklaven, um schwere Pflüge beim Ackerbau zu ziehen oder in Minen nach Edelsteinen oder -metall zu schürfen.

Es vergingen viele Jahre und schon bald wurden aus ehemaligen Freunden der Menschen fast vergessene Legenden, von denen man sich nur noch am Lagerfeuer spannende Geschichten erzählte. Es schien fast so, als ob die Gattung der Waldoger völlig ausgelöscht war. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde den Königen und dem Großteil des Volkes bewusst, dass sie mit der gewissenlosen Hatz auf Waldoger zu weit gegangen waren.

König Vyncent war es schließlich, der ein Gesetz verabschiedete, jeden unter Strafe zu stellen, der einem Waldoger, egal, in welcher Manier, Leid oder Pein zufügte. Außerdem sollten alle Waldoger aus der Gefangenschaft und Sklaverei befreit werden. Natürlich hielten sich nicht alle Menschen an dieses Gesetz, da ein Sklave einer billigen Arbeitskraft gleichkam und kein Geld kostete. Diese gierigen Menschen versteckten die Waldoger in unterirdischen Verliesen, ohne jede Chance jemals wieder in Freiheit zu gelangen oder das Tageslicht zu erblicken. Andere Menschen bereicherten sich am Leid der Waldoger und verkauften diese für viel Gold an Machthaber benachbarter Länder, die nicht dem Königreich von Angelwood angehörten.

Über Wasserstraßen oder dem Landweg schaffte man die leidgeplagten, grünen Riesen unauffällig aus dem Land und sorgte so dafür, dass schon bald keine Waldoger mehr im Lande durch die Wälder streiften. Die Menschen ersetzten ihre Liebe zu Flora und Fauna mit starrem Reichtum und kalten Besitztümern und gefährdeten somit das Gleichgewicht der Natur, welches von den Waldogern dank ihres umfangreichen Wissens und ihrer unergründlichen Weisheit im Einklang gehalten wurde.

Jedoch hofften die Waldoger im Verborgenen auf ihre Erlösung, auf einen neuen Frühling, der all die graue Schmach, die über sie hereingebrochen war, hinwegfegte. Ein neues Leben, welches genau wie sie, in der Vergangenheit alles in frohem Grün erstrahlen ließ. Sie erwarteten diesen einen glücklichen Tag, an dem die Gerechtigkeit siegen und sie endlich wieder in ihre Heimat, ihre Wälder und zu den fröhlichen Menschenkindern heimkehren würden.

Sie sehnten den einen heldenhaften Waldoger herbei, der laut Prophezeiung die Wahrheit zwischen einem mutigen oder einem pechschwarzem Herzen aus Stein der Menschheit offenbaren würde. Diesen kleinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen grüner Zuversicht oder schiefergrauem Untergang.