„Ein Waldoger … ein wahrhaftiger Waldoger …“, stammelte Serenity, als sie das übergroße Gesicht, welches sich langsam aus der Käfigöffnung den Weg ins helle Sonnenlicht bahnte, erkannte. Sie zitterte vor Aufregung am ganzen Körper, denn sie kannte die legendären Geschichten, die sich um diese gutmütigen Riesen rankten. Sie selbst hatte als kleines Mädchen einen Waldoger kennen und lieben gelernt, bis er plötzlich nicht mehr auftauchte.

Damals, mit 10 zarten Lenzen, wollte sie eine berühmte Ballerina werden und die schönsten Theater der Welt mit ihrem Tanz begeistern. Natürlich meinten ihre Eltern, dass es wohl besser wäre, die Bildung dem Ballett vorzuziehen. So verschwand Serenity heimlich, wann immer es ihr gelang, in den nahegelegenen Wald, um dort auf einer von bunten Feldblumen überzogenen Lichtung ihren Tanz zu proben. Leise summte sie dabei die schönsten Melodien. Es gab ihr das Gefühl auf einer Bühne zu stehen und vom Orchester begleitet zu werden. Sie ahnte dabei nicht, dass die Bewohner des Waldes voller Freude ihre entzückenden Pirouetten beobachteten.

Eines Tages verbeugte sich die Prinzessin gedankenverloren vor einem imaginären Publikum. Leiser Applaus erschallte daraufhin vom Waldrand. Ein sanftes Brummen ertönte und aus dem Dunkel des Gehölzes trat ein grüner Riese auf die völlig perplexe Serenity zu. Ein Waldoger überraschte sie und reichte ihr eine Blume. „Vielen Dank für Deinen wunderbaren Tanz. Du beglückst uns immer wieder.“ Die Perplexität der Königstochter wich einem strahlenden Lächeln. „Ein Waldoger! Du bist ein echter Waldoger!“ Freudig nahm sie die Blume entgegen und sprang dem diesmal leicht verdutzten Oger in die Arme. „Wie schön endlich einen Hüter des Waldes kennenzulernen. Wie ist Dein Name?“ Der Waldoger schmunzelte. „Mein Name ist Herman. Und Ihr seid Serenity, die Prinzessin von Angelwood.“

„Ooohhh … Du kennst mich?“

„Aber natürlich … ich kenne eigentlich jedes Lebewesen in meinen Wäldern. Sonst wäre ich ja auch kein Hüter der Wälder und der Natur.“

Serenity gluckste vergnügt, während Herman sie sanft auf den Boden setzte. „Du tanzt sehr schön. Ich hoffe, Du wirst Deinen Traum weiterverfolgen?“

„Ach, ich weiß nicht … meine Eltern möchten lieber, dass ich Bücher wälze oder mich im Kampf erprobe, um eine gute Prinzessin zu werden.“

Herman tippte ganz leicht auf ihr Herz. „Nun, da haben Deine Eltern, was die Bildung betrifft, wohl recht. Bilde Deinen Geist, forme Deine Kampfkraft, jedoch folge Deinen Träumen. Wenn Du all das berücksichtigst, dann kannst Du Prinzessin und Tänzerin in einer Person sein.“

„Sag das mal meinem Vater. Vielleicht hört er ja auf Dich.“, murmelte die Prinzessin.

„Gerne. Aber zunächst hörst Du auf Deine Eltern, liest mehr Bücher und lauscht andächtig Deinen Lehrern. Dann verstehst Du auch den Sinn, der hinter meinen Worten steckt.“

„Abgemacht! Und in meiner freien Zeit komme ich hierher und Du darfst meinem Tanze folgen.“

„Sehr gerne, liebe Serenity.“ Herman verbeugte sich vor der glücklich lächelnden Prinzessin. „Es wird mir eine aufrichtige Freude sein.“

Es wuchs eine Freundschaft zwischen der Königstochter und dem Waldoger, bis … ja bis Herman eines Tages nicht mehr auf der Lichtung erschien und für alle Zeit verschwunden blieb.

Das war aber schon sehr lange her.

Viele Zweifel und schlaflose Nächte plagten ihren Vater, seitdem er aufgrund der unermüdlichen Jagd auf die Waldoger viel Leid über jene gebracht hatte. Vyncent war es auch, der immer wieder gebetsmühlenartig den Menschen den Unterschied zwischen einem Teufelsoger und einem Oger des Waldes erläutern musste. Doch war es für gut gemeinte Abbitten zu spät, denn die Waldoger waren im gesamten Reich vom Erdboden verschwunden. Nur ihre kostbaren Hörner zeugten von ihrer ehemaligen Präsenz und wurden auf den Märkten jenseits der Grenzen von Angelwood verhökert.

Nun stand ein leibhaftiger Waldoger vor der Prinzessin, vielleicht sogar der letzte seiner Art. Er schob zögernd seinen riesigen Schädel aus dem Käfig und wirkte dabei friedlich und ohne jegliche Scheu vor dem Mädchen, welches staunend und fast regungslos vor ihm verharrte.

Raphael blieb trotz gesenkten Schwertes angespannt und verharrte wie ein Pfeil vor dem Schuss aus dem Bogen an seinem Platz. Er beobachtete genau und schätzte versiert die Situation ein. Waldoger waren keine Monster, jedoch musste man vorsichtig sein, denn man konnte nicht wissen, was diesem Wesen alles zugestoßen war. Vielleicht war es inzwischen eine wütende Bestie, was man diesen gedemütigten Kreaturen nicht einmal verübeln könnte. Raphael kannte das Gefühl von Wut aufgrund ungerechter Missachtung, die man ihm in der Vergangenheit zu Genüge entgegengebracht hatte.

„Wow … ein Oger … ich wusste ja gar nicht, dass es die noch gibt.“ Dougan eilte von seinem Sitzplatz an die Seite der Prinzessin. „Interessant … wurden die nicht alle ausgelöscht?“

„Scheinbar nicht.“, raunte Raphael dem staunenden Piraten zu. „Es handelt sich übrigens um einen Waldoger.“

„Oger hier, Oger da! Die sehen doch alle gleich aus … oder nicht?“

„Waldoger sind grün, Bergoger sind grau. Bei einem Berg- oder Teufelsoger hättest Du schon längst keinen Kopf mehr.“

„Hoppla, dann bist Du also auch ein Bergoger? Dass mit der Rübe abtrennen beherrscht Du ja mindestens genauso gut …“ Dougan johlte, verstummte aber augenblicklich, als ihm die Prinzessin einen Ellbogen in die Seite stieß.

„Sei still … ansonsten verschrecken wir ihn noch!“

„Verschrecken? Wir ihn? Ich glaube eher, wir sollten uns Sorgen machen, nicht dieser Riese!“

Der junge Pirat kramte in seiner Ledertasche und beförderte eine frische Birne ans Licht. „Aber ich will mal nicht so sein, denn ich weiß ja inzwischen, auf was unser grüner Freund abfährt.“ Er hielt die grüne Frucht in die Höhe und trat mehrere Schritte zurück, um den Waldoger aus seinem Stahlgefängnis zu locken. „Ja, was haben wir denn da Feines? Na komm … putt, putt, putt …“

„Das ist kein Huhn, Du unsensibler Pfützenlurch.“ Raphael zeigte kein Verständnis für die Vorgehensweise des Freibeuters.

Der Waldoger brummte und fixierte mit zusammen gekniffenen Augen die Birne in Dougan‘s Hand. Nun folgte der Rest seiner wuchtigen Erscheinung, da er seinen Käfig auf der Jagd nach dem fruchtigen Leckerbissen verlassen musste.

„Siehst Du? Es klappt! Er verlässt seinen Unterschlupf.“ Dougan wollte noch einen Schritt zurückweichen, aber Raphael versperrte ihm den Weg und bewegte sich keinen Zentimeter von der Stelle.

„Dann fütter‘ mal Dein Huhn! Zeig ihm, wer der Hahn im Korb ist!“

Der Waldoger benötigte drei stampfende Schritte, um direkt vor Dougan zum Stillstand zu kommen. Er griff sich die Birne und verspeiste sie mit genüsslichem Schmatzen. Danach beugte er sich langsam zu ihm hinab.

„Danke.“, sprach der Oger und stupste ihm mit einem seiner pechschwarzen Fingernägel kurz auf die leichenblasse Nase. Raphael zwinkerte er kurz zu, um sich anschließend der Prinzessin zuzuwenden, die immer noch mit geöffnetem Mund an ihrem Platz verharrte. Er schritt zur Prinzessin. „Hallo, meine geliebte Serenity. Wie geht es Dir? Tanzt Du immer noch?“

„Du … was … wie …?!“, stotterte sie mit zitternder Stimme. Sie konnte nicht fassen, was hier gerade geschah. „Wie … was … woher … Herman … bist Du das?!“

„Tanzen? Ihr beide ward mal ein Tanzpaar?“, rief Dougan amüsiert, zwischenzeitlich sichtlich von seinem ersten Schreck erholt. Raphael legte ihm zur Mahnung eine Hand auf die Schulter. „Okay … okay … bin ja schon leise … ich hätte da mal ein paar Fragen hinsichtlich des Aufbewahrungsortes vom sagenumwobenen Ogergold … wo genau liegt es? Nur eine kleine Andeutung … dann verschwinde ich hier und ihr seht mich nie wieder …“

Der Engelskrieger kniff bedrohlich schmerzhaft zu.

„Auuuuaaa … ist ja schon gut! Wann hat man denn schon einmal die Gelegenheit einem waschechten Oger Fragen zu stellen?! Schließlich habe ich ihn aus diesem Loch herausgeholt.“

Herman sah Serenity tief in die Augen, gerade so, als ob er ihre Seele und ihre Gedanken aufsaugen wollte. „Ich danke Dir und Deinen Freunden, ihr habt mich befreit. Kann es sein, dass Du inzwischen das Sprechen verlernt hast?“

Serenity fand endlich wieder zur gewohnt königlichen Fassung. Sie betrachtete die massiven Ketten, die sich um den narbenübersäten Körper des Waldogers spannten. „Was ist passiert? Was haben sie Dir angetan? Du warst auf einmal verschwunden.“ Sie trat näher an den muskelbepackten Koloss heran, denn sie schenkte diesem friedlichen Lebewesen tiefes Vertrauen, so wie damals, als sie sich das erste Mal trafen. Nun war es ihre Aufgabe, die Entschuldigung des Königs und ihres Volkes an einen Waldoger, einstmals besten Freund, mit eigenen Worten heranzutragen.

„Ich möchte Dich um Verzeihung für all das abscheuliche Leid, welches Dir und Deinem Volk in den letzten Jahren angetan wurde, bitten.“ Mit diesen Worten kniete die junge Prinzessin vor dem riesigen Geschöpf nieder und senkte ihr Haupt. „Wir können Geschehenes nicht rückgängig machen, wir können jedoch versuchen die Zukunft unserer Völker auf einem lauteren Fundament wachsen zu lassen. Einem Fundament, welches uns vereint – sowohl im Geiste als auch in unseren Herzen. Ich bitte Dich im Namen der Menschheit und meines Vaters inständig um Vergebung.“

Der Blick des Waldogers verdüsterte sich zunächst, man konnte die unbändige Wut und den ohnmächtigen Zorn förmlich spüren, der in diesem Augenblick in ihm empor flammte. Doch dann betrachtete er die Prinzessin und ihm wurde bewusst, wie ernst sie es mit ihren Worten meinte. Sein Zorn wandelte sich in Mitgefühl, denn er wusste, dass Zorn nur zu böserem Übel führte.

„Es war nicht Dein Fehler und auch nicht allein die Tat Deines Vaters. Es war das Vergehen vieler Könige, die vergessen haben, was es bedeutet König zu sein. Menschen, die aufgrund ihrer unersättlichen Gier nicht mehr wissen, wann der richtige Zeitpunkt für gerechtes Handeln und ausgewogene Moral entscheidend ist. Du bist ein Nachkomme und darfst nicht für die Fehler Deiner Ahnen oder deren Vergangenheit büßen. Dies wäre nicht gerecht. Vergangenes liegt weit zurück, die Zukunft vor uns.“ Herman führte sanft eine Pranke unter das Kinn der Prinzessin, um ihr in die Augen zu sehen. „Ich werde die Taten der Menschen nie vergessen, aber ich vergebe jenen, die uns halfen. Ich vergebe Deinem Vater, denn ich weiß, dass es viele unter Euch gibt, die ein gutes Herz besitzen.“

Serenity weinte, während der gutmütige Riese sie liebevoll in die Luft erhob, um sie in den Arm zu nehmen. Sie wirkte so zerbrechlich, als sie dort in seinen mächtigen Armen verweilte und Trost suchte. „Es tut mir so leid …“, schluchzte sie.

Herman schwieg, schloss die Augen und drückte sie sanft an sich, nur für einen kurzen Augenblick, um der Prinzessin das ehrliche Gefühl zu geben, dass er ihr und den Menschen aufrichtige Versöhnung schenkte. „Ich habe Dich sehr vermisst, meine kleine Ballerina.“

Raphael und Dougan hatten sich inzwischen zu Ascardia gesellt. Selbst der ansonsten sehr gesprächige Pirat wirkte nachdenklich. „Hach … was schön, oder?“ Er schnaufte kurz und stieß mit seinem Ellbogen und leicht gewässertem Blick dem Engelskrieger in die Seite. Fast schien es, als ob Raphael dabei lächelte, dies konnte aber auch eine Täuschung der getrübten Wahrnehmung des Piraten sein. Er wischte sich kurz über die Augen. „Ich geh dann mal ein paar Birnen holen. Wie es aussieht, wird das noch ein sehr langer Tag.“

Die Prinzessin erzählte dem Waldoger, warum sich ihre Wege kreuzten, dass der göttliche Kompass fast zerstört worden war und sie seine Hilfe benötigten.

„Es gibt da jemanden, der uns helfen kann. Sie gehört zu jenen wenigen Menschen, die der Natur ihr Herz geschenkt hat und der ich aus tiefstem Herzen vertraue. Nicht weit von hier, vielleicht sollten wir sie aufsuchen und um ihren Rat bitten.“

Serenity blickte nachdenklich auf den Kompass, dessen Nadel leicht zitternd hin und her wanderte. Es war kein genaues Ziel auszumachen. „Warum nicht? Was haben wir schon zu verlieren? Wir sind für jeden Ratschlag dankbar, der uns zum Ziel führt.“

„Du wirst sie mögen, glaube mir.“ Herman lächelte. Der Oger würde nun keinen Schritt mehr von ihrer Seite weichen, egal, was passierte. Er fühlte sich seiner besten Freundin verpflichtet und ahnte noch nicht, dass er schon bald die Gelegenheit bekam, ihr Leben zu retten.