„Was war daran so schwierig? Ein einziger, völlig harmloser, verwahrloster Waldoger! Mehr nicht! Alles muss man heutzutage alleine machen, wenn man möchte, dass etwas reibungslos über die Bühne geht! Wie kann man einen 3-Meter-Oger verlieren?! Ihr solltet ihn einfach nur abholen und hierherbringen! Das hätte ja selbst ein einzelner Mann meiner Armee in einem Ruderboot hinbekommen!“

Zyria zeigte sich nicht sonderlich erfreut über die Nachricht des Soldaten, den Raphael vor einigen Tagen schwungvoll über Bord geworfen hatte. Genau jener Mann, der für den sicheren Transport des grünen Riesen verantwortlich war, zeigte sich in demütiger, kniender Pose vor der Königin. Sie tobte und lief mit wedelnden Armen wie von einem schlüpfrigen Furchenkriecher gebissen aufgeregt hin und her.

„Und Du? Hör mit diesem unverschämten Grinsen auf! Schließlich war es Deine fulminante Truppe, die sich den Oger hat abjagen lassen!“

„Ihr wolltet doch selbst, dass wir den Oger so unauffällig wie möglich transportieren. Hätte ich mehr Soldaten einteilen dürfen, wäre es sicher anders ausgegangen.“ Monderyan zeigte sich amüsiert, während er auf einer der Stufen, die zum prächtigen Thron der Königin empor führten, saß und seiner mächtigen Streitaxt mit einem grobkörnigen Stein den nötigen Schliff verpasste. „In gewichtigen Dingen sollte man ebenso bedeutungsvoll agieren. Ich hätte sogar noch zwei Schiffe mehr als Begleitschutz abgestellt. Tja … aber Du musst zugeben, es fällt unheimlich schwer, Dir Widerreden zu geben. Nicht wahr?“ Er schmunzelte, denn er wusste, dass seine Männer in kleiner Zahl einem Engelskrieger gnadenlos unterlegen waren.

„Ach … hör mit diesem dummen Gesülze auf! Und Du? Geh mir aus den Augen!“, herrschte sie den Soldaten an, der ohne den Blick zu heben, blitzschnell rückwärts den Palastsaal verließ. Dabei stolperte er mehrmals und entschuldigte sich nach jedem Sturz murmelnd.

„Siehst Du, was ich meine?“ Monderyan schüttelte lachend den Kopf. „Jeder hat enorme Angst vor Dir und Deinen abstrusen Rachegelüste.“

„Außer Dir natürlich, meinem Sohn, den gewieften Prinzen der Dunkelheit. Hast Du Dir diesen Titel eigentlich selbst ausgedacht oder gibt es etwas, was Du mir noch erzählen möchtest? Deine Leute sind genauso dumm wie Deine Arroganz.“

Das Lachen des hünenhaften Prinzen wich einem mürrischen Knurren. Sein Blick verdüsterte sich, als er sich zur Königin wandte und langsam erhob. Seine gigantische Streitaxt pendelte dabei lässig in der rechten Hand, wobei das Muskelspiel seines vor Energie strotzenden Körpers eindrucksvoll die Kraft, die ihn durchströmte, zur Geltung brachte. Mit der linken strich er gefühlvoll durch die prächtige Mähne seines pechschwarzen Löwen Avenar, der daraufhin behaglich schnurrte, während er die Königin mit verächtlichem Blick seiner smaragdblauen Augen musterte.

Zyria hob höhnisch die rechte Augenbraue. „Was denn … soll ich nun Angst bekommen oder findest Du tatsächlich den Mut mir offen Deine Meinung zu sagen? Da wärst Du wohl der erste langhaarige Draufgänger in meinem Palast. Sag Deiner Hauskatze, sie soll sich ruhig verhalten, sonst gibt es morgen ‘Miezekatze am Spieß’. Glaube mir, die Teufelsoger würden sich über dieses Festmahl sehr freuen.“

Monderyan wusste, dass es äußerst gefährlich war, seine Mutter, wenn auch zierlich von Gestalt, die inzwischen wieder auf ihrem Thron Platz genommen hatte, zu unterschätzen. Eingerahmt wurde sie dabei von ihren gefiederten Gefährten, den beiden glucksenden Geiern Sargan und Scorba, die unruhig von einem Bein zum anderen hüpften. Gefährlich war die bildschöne Königin nicht nur aufgrund ihrer finsteren Zauberkräfte, welche sie aus einem violett-glänzenden Kristall inmitten ihrer schwarzen Krone schöpfte, sondern auch wegen ihres engsten Vertrauten Llyras. Diese geheimnisumwitterte Gestalt diente der Königin als ‘Baatorianischer Wasserspeier’ oder um es kurz zu fassen, als Wasserdrache, der neben seinem blau geschuppten Dasein ebenso menschliches Aussehen annehmen konnte. Heute blieb sein Platz neben der Königin allerdings leer, da er auf einer geheimnisvollen Mission unterwegs war.

Der Prinz hob langsam sein Beil und erklomm ruhigen Schrittes die wenigen Stufen, die zum Thron führten. Dabei lächelte er diabolisch, als er fast besinnlich über die runderneuerte Klinge strich, die dabei sanft bläulich glühte. „Nicht doch … ich würde es niemals wagen Dir arglos meinen Standpunkt zu offerieren. Ich bin ja nicht lebensmüde. Es reicht doch, wenn ich meinen Männern häufiger den Kopf wasche, wenn es ums Kämpfen geht.“ Kurz vor der letzten Stufe stoppte er. „Doch muss ich trotzdem fragen, wie wir hinsichtlich des Ogers weiter verfahren? Soll ich meine Männer zum letzten bekannten Ankerplatz des Schiffes entsenden, vielleicht finden wir ja eine Spur?“

Zyria wirkte inzwischen entspannter, denn ihr war bewusst, welche Macht sie auf alle Lebewesen ausübte. Wer oder was sollte ihr jemals etwas anhaben? Eine alte Prophezeiung einer jungen Prinzessin und deren Freunde, die ohnehin nur auf einem alten Ammenmärchen irgendwelcher Spinner des Königreiches münzte? Der Verbund der Könige und das langjährige Vermächtnis zur Königswahl waren bereits mit Hilfe ihres Vertrauten Llyras unterwandert worden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie über das gesamte Königreich herrschen würde. Mit Magie, Gold und Eitelkeit hatte das Böse schon viele Kriege gewonnen. „Denke nicht, dass Dir Deine Waffe in irgendeiner Weise gegen mich etwas nützt. Ich habe sie erschaffen und kann sie ebenso schnell wieder zerstören. Du bist nur ein weiteres winziges Zahnrad im Uhrwerk des Schicksals. Meine Zeit ist gekommen. Unaufhaltsam mit jeder verstrichenen Sekunde rücke ich meinem Ziel näher.“

Sie musste auf Nummer Sicher gehen, um auszuschließen, dass nicht doch noch irgendjemand oder irgendetwas ihre Pläne durchkreuzte. Prophezeiung hin oder her, auf ein paar Tage mehr kam es nicht mehr an. Der Waldoger war verschwunden, das war sicherlich nicht erfreulich, jedoch galt es noch ein weiteres Ungemach aus dem Weg zu räumen. Löste sie nur ein Glied aus der Kette der zukünftigen Geschehnisse, welche die Prophezeiung am Leben erhielt, konnte diese nicht mehr in Erfüllung gehen. Jene Weissagung, die voraussah, dass es schon bald einen neuen König geben sollte. Die aber auch besagte, dass der zerstörte göttliche Kompass aufgrund tiefer Freundschaft zurück ins Leben kehren würde.

Lange hatten sie gesucht, hatte Llyras das Land bereist und jeden Winkel nach genau jenen fehlenden Puzzleteilen durchforstet, die im Ganzen der Prophezeiung ein Bild verliehen. Den Waldoger namens Herman entdeckte Llyras bei einem Sklavenhändler, der den friedlichen Behüter der Natur vor vielen Jahren auf einer Waldlichtung in eine Falle und somit in Gefangenschaft genommen hatte. Einer von vielen Sklaven, auf die man leicht verzichten konnte. Dank glänzendem Gold schaffte es Llyras schnell, den Sklavenhändler davon zu überzeugen, sich von dem grünen Knecht zu trennen.

Gleichzeitig fand Zyria in ihrem Sohn Monderyan einen wertvollen Verbündeten. Monderyan war sehr daran interessiert schon bald sein eigener König zu werden. Allein die Distanz zum königlichen Wappen seines Vater Roonar‘s, die sich im Löwenkopf seines massiven Panzers offenbarte, zeugte von der Verachtung, die er seinem Vater entgegenbrachte. Mit Hilfe seiner Mutter war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er zum neuen Monarchen der Hafenstadt gekrönt wurde und er seinem Vater einen tödlichen Abschied bescheren konnte. Der Hass des jungen Mannes saß tief, denn er konnte, nein, er durfte seinem Vater niemals vergeben.

Damals, als sein Vater Roonar seine geliebte Mutter dem fliegenden Händler Llyras im Tausch gegen Informationen zu einer schwarzen Krone mit Zauberkräften aushändigte. Ohne Schuld, ohne Liebe zu seiner eigenen Frau übergab er Zyria einem völlig Unbekannten.

Später, als er zu einem jungen, stählernen Krieger herangewachsen war und seine Mutter aus dem Verließ des bösen Zauberers befreite. Doch war seine Mutter, einstmals eine gütige, liebevolle Frau zu einem unheilvollen, finsteren Weib mutiert. Ihre farbenprächtigen Flamingos zu Geiern verwandelt und das Herz ins finstere Tief des Bösen versunken. Selbst ihr eigener Sohn war vor ihren Wutausbrüchen nicht gefeit. Es wollte in Zyria’s Herz einfach kein Funken von Liebe mehr entzünden, das Herz war zerbrochen, zu Eis erfroren, unendliches Schwarz hatte ihre Seele überkommen. Die Gefangenschaft, die tägliche Qual im Kerker des Magiers waren zu viel für die dereinst gefühlvolle Frau. Der dunkle Hexenmeister starb jedoch durch jene magischen Kräfte, die sich Zyria durch Hass und Scharfsinn angeeignet hatte. Seine selbst geschürten Energien wendeten sich gegen ihn und wurden ihm so zum Verhängnis. Llyras wurde damit zum Diener der dunklen Königin und führte ihre Leibgarde, die “Scarlet Squad” zum Schutz vor äußeren Feinden. Zyria verließ sich nicht ausschließlich auf ihre Zauberkräfte, sie wusste genau, ein Schwert oder eine Streitaxt konnten auch einem Magier gefährlich werden.

Zyria‘s Gedanken kreisten um den nächsten, wohlüberlegten Schritt. Hätten sie diesen grünen Wicht nur gleich getötet … aber nein … sie wollte dem Waldoger in die Augen sehen, wollte wissen, welche Eigenschaften den Bewohner der Wälder für das Orakel so außergewöhnlich machte, um ihn dann persönlich für immer in die tiefsten Abgründe ihrer grauenhaften Verliese zu stoßen. Jene feucht-modrigen Kerker, wo geschundene Kreaturen jegliche Hoffnung und den kargen Schimmer auf Befreiung verloren sahen.

Ein weiteres Glied in der Kette fand Llyras in einer kleinen Stadt namens Llanwe. Dort lebte einer der letzten Glücksdrachen inmitten der Menschen bei zwei Schmieden. Genau dieser Glücksdrache musste gefangen werden. Sie würde kein Risiko mehr eingehen, denn das endgültige Ziel der Regentschaft war förmlich zum Greifen nah. Lebend nutzte der Drache mehr, denn aus jeder einzelnen Schuppe eines lebenden Glücksdrachen gewann die Königin eine wertvolle Essenz, die ihre Zaubertränke und Elixiere verfeinerte. Ein toter Glücksdrache dagegen war nichts wert, denn mit ihm starb die Seele und somit der Hauch von Glück, der dieses Tier umgab und jede Schuppe so begehrenswert machte.

„Nein … Deine Männer taugen höchstens zum Ausmisten meiner Ställe oder der Fellpflege Deines Katers. Ich entsende meine Soldaten, um den Drachen in Llanwe aufzuspüren. Der Oger befindet sich in bester Gesellschaft. Vergiss nicht, dass wir noch einen Trumpf im Ärmel haben.“ Zyria spielte dabei auf ihre Leidenschaft aufs gepflegte Kartenspiel an. Egal, wohin man auch blickte, zeugten die Grundsymbole wie das Pik, das As, das Kreuz oder das Herz von ihrem temperamentvollen Spieltrieb. Ihre prächtige Garderobe war ebenso mit jenen verspielten Zeichen bestickt, die jedem professionellen Zocker den Puls in die Höhe schießen lassen würden. „Unser Mann, nennen wir ihn einfach unseren ‘Joker’, wird den Oger schon bald zu uns führen und mit ihm eine entzückende Prinzessin nebst wagemutigem Engelskrieger. Letzteren überlasse ich gerne Dir und Deinem verschärften Arbeitsgerät.“

Monderyan‘s Augen blitzten kurz auf, während er mordlüstern lächelnd die Klinge seiner Kampfaxt liebkoste. „Das wird sozusagen ein himmlisches Fest. Ein grandioses Stelldichein.“ Er wandte sich hinunter zu seinem Löwen, der behaglich unter seinen Streicheleinheiten schnurrte. „Und wenn ich mit ihm fertig bin, reiche ich Dir, mein schöner Avenar, seine kümmerlichen Reste zum Mahl.“ Leise flüsterte er weiter, für die Königin kaum zu vernehmen. „Falls das nicht reicht, kredenze ich Dir die beiden dummen Kackvögel dort oben als exquisiten Nachtisch.“

Avenar brummte voller Wohlbehagen, denn er wusste, sein Herr hielt immer seine Versprechen – egal, was passierte.